Die Künstler Moetu Batlle und David Passegand arbeiten zum Lichterfest gern mit monumentalen Installationen – wie hier auf der Place Bellecour.
Foto: Muriel Chaulet

ParisEines der schönsten Straßenfeste Frankreichs würde es heute nicht geben, hätte es im Herbst 1852 in Lyon nicht wie aus Eimern geschüttet. Es regnete so sehr, dass die Saône die Stadt überflutete und das traditionelle Fest zur Verehrung der Jungfrau Maria um drei Monate vom 8. September auf den 8. Dezember verschoben werden musste. Weil man es der Mutter Gottes zuschrieb, dass sie im Mittelalter auf Bitten der Gläubigen hin die grassierende Pest stoppte, hatte sich bis dahin an jedem 8. September, dem Festtag Mariä Geburt, ein Ehrenzug vom Stadtzentrum hinauf zur Kapelle und späteren Wallfahrtskirche auf den Fourvière-Hügel begeben, um dort Kerzen für sie anzuzünden. 

Im Jahr 1852 war es aber eben erst am 8. Dezember, dem Fest Mariä Empfängnis, an dem eine Statue der Heiligen Jungfrau auf dem Glockenturm der Kapelle eingeweiht wurde. Ein Feuerwerk auf dem Hügel und Fanfaren in den Straßen waren vorgesehen, die katholischen Honoratioren sollten ihre Häuserfassaden festlich beleuchten. Zwar entlud sich am Stichtag erneut ein gewaltiges Gewitter über der Stadt, doch später klarte der Himmel auf und die Bewohner von Lyon wollten ihre erwartete Feier nicht nochmals absagen. Sie erleuchteten ihre Fenster, gingen mit Lämpchen und Kerzen auf die Straßen. „Um acht Uhr war die gesamte Bevölkerung auf der Straße“, beschrieb ein Zeitgenosse später die Stimmung. „Man gab einander die Hand, ohne sich zu kennen, man sang Kirchenlieder, man klatschte und rief: Es lebe Maria!“

Auftritte mit Lichteffekten gehörten auch 2018 zum Programm.
Foto: imago images/PanoramiC

So war eine neue Tradition für den 8. Dezember geschaffen. Fortan stellten die Bürger jedes Jahr an diesem Tag Kerzen auf ihre Fensterbretter. 1989 entschied das Rathaus, zudem Gebäude zu illuminieren, ab 1999 mithilfe von Beleuchtungsprofis, die Lichter-Kunstwerke schufen.

Vom kleinen Fest zum viertägigen Spektakel

Inzwischen ist aus der „Fête des Lumières“, dem Lichterfest, ein alljährliches viertägiges Straßenspektakel geworden, das französischen und internationalen Künstlern eine Bühne unter freiem Himmel bietet. In diesem Jahr findet das Fest vom 5. bis zum 8. Dezember statt. Teils werden die Werke mit musikalischer Begleitung auf die Fassaden der Gebäude projiziert.

Manche bleiben in besonderer Erinnerung – wie die riesige Schneekugel über der Reiterstatue auf der Place Bellecour, dem größten Platz von Lyon, oder jene Telefonkabine am Flussufer, die in ein Aquarium umgewandelt worden war.

Für die Besucher gibt es vorgezeichnete Wege, damit sie an möglichst allen der rund 70 leuchtenden Kunstwerke vorbeikommen. Vor allem an den Wochenenden schieben sie sich zu Zigtausenden durch die Straßen. „Was vor mehr als 160 Jahren mit kleinen Kerzen im Fenster begann, zieht heute Millionen Besucher an“, sagt Jean-François Zurawik, der seit 2003 Festivalleiter ist.

Die Hotels und Restaurants in Lyon machen in diesen vier Tagen zehn Prozent ihres Jahresumsatzes, die Bankautomaten werden viermal mehr als an einem normalen Wochenende beansprucht.

Besonders eindrucksvoll wirkt die erleuchtete Stadt vom Wasser aus.
Foto:  imago images/PanoramiC

Inzwischen veranstalten Städte in aller Welt eigene Lichterfeste, ähnlich wie der Karneval von Rio oder das Münchner Oktoberfest internationale Nachahmer gefunden haben. Viele Rathäuser von Hongkong bis Montreal suchen dabei technische Unterstützung in Lyon – denn von hier, darauf legt   Zurawik Wert, kommt das Original. Die Stadt im Rhône-Alpes-Gebiet setzt darauf, dadurch auch in anderen Zeiten des Jahres Besucher anzuziehen. Sie wirbt mit ihrer Altstadt „Vieux Lyon“, die zum Unesco-Weltkulturerbe gehört, oder dem Musée des Confluences, einem Museum mit naturwissenschaftlicher Ausrichtung in einem modernen Gebäude, dessen Bau 300 Millionen Euro verschlang und ein Jahrzehnt länger dauerte als geplant.

Die Lichterstadt Lyon und die Brüder Lumière

Noch aus einem anderen Grund begreift sich Lyon als Lichterstadt: Hier lebten und arbeiteten im 19. Jahrhundert die Brüder Auguste und Louis Lumière – lumière ist das französische Wort für Licht. Die Söhne eines Fotografen waren als Erfinder des Kinematographen im Jahr 1895 die ersten, die öffentliche Filmvorführungen vor zahlendem Publikum in einem Pariser Café anboten und dabei mehrere selbst gedrehte Kurzfilme zeigten – damit gelten sie als Erfinder des Kinos. Heute erinnern in Lyon das Institut Lumière mit zwei Kinosälen und einem Informationszentrum sowie ein Museum in ihrem ehemaligen Wohnhaus an die Lumière-Brüder.

Biennale und Bocuse

Allgemeines: Lyon ist mit rund 535.000 Einwohnern nach Paris und Marseille die drittgrößte Stadt Frankreichs. Sie liegt am Zusammenfluss zwischen den Flüssen Saône und Rhône, deren Ufer in den vergangenen Jahren zu Flaniermeilen ausgebaut wurden. Lyon ist außerdem der Sitz der internationalen Polizeibehörde Interpol.

Gastronomie: Ihren Ruf als Hauptstadt der Gastronomie verdankt die Stadt neben mehr als 4000 Restaurants vor allem Spitzenkoch Paul Bocuse. Bouchons werden die urigen Restaurants genannt, die Hausmannskost mit regionalen Spezialitäten anbieten – von Fischknödeln bis zum Coq au Vin. Die Lyoner Küche gilt als einfach, aber fein.

Kultur: Seit 1989 befinden sich die Altstadt von Lyon sowie ein Teil der Halbinsel auf der Weltkulturerbe-Liste der Unesco. Neben dem alljährlichen Lichterfest rund um den 8. Dezember sind die Biennale für zeitgenössische Kunst sowie die Tanz-Biennale, die jeweils abwechselnd stattfinden, wichtige kulturelle Höhepunkte im Stadtleben. 

„Lyon ist für zwei Dinge bekannt: für das Licht und die Gastronomie“, sagt David Kimelfeld, Präsident der Metropolregion Lyon. Zur gastronomischen Tradition hat der 2018 verstorbene Spitzenkoch Paul Bocuse entscheidend beigetragen. Von den rund 4000 Restaurants der Stadt haben 14 einen, zwei oder drei Michelin-Sterne. Gerade eröffnete im ehemaligen Krankenhaus Hôtel-Dieu die Cité internationale de la Gastronomie, eine Art Probiermuseum rund um das Thema Ernährung und die französische Kunst zu genießen.