Helen muss aufs Klo. Ihr Hintern juckt. Genauer gesagt – und es kann bei der Verfilmung des Skandalromans „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche gar nicht genau genug, anschaulich und unverblümt gesagt und gezeigt werden – ihr Po-Loch, also die Rosette juckt, um die herum ein Blumenkohl von Hämorrhoiden wuchert.

Und damit das Niveau aus fiesester Ekelausreizung und Saukomik auch gleich von Anfang bis hoch an die Zäpfchen-Würgekante gelegt ist, steigt die rotgelockte Helen mit ihren langen Beinen die Treppen zu einer öffentlichen Toilette hinunter, watet dort barfüßig durch knöchelhoch stehende Abortbrühe, zieht ihren verwaschen bonbonroten Slip runter und – nein noch nicht! Zuerst drückt sie eine weiße Wurst Zinksalbe auf ihren Finger mit dem kürzesten, bunt lackierten Nagel und schmiert sich damit die juckende Körperöffnung ein.

Aaaah! Nichts ist schöner, als wenn der Schmerz nachlässt! Genussvoll kullert Helen, gespielt von der hinreißenden Carla Juri, ihre aufgerissen Augen zur Decke. „Die Tube hat auch so einen spitzen Aufsatz mit vielen Löchern drin, damit ich die auch anal einführen und da hinspritzen kann, um den Juckreiz sogar innen zu stillen“, spricht ihre mädchenhafte Stimme aus dem Off dazu. Sichtlich erleichtert über die Juck-Erlösung zoomt Helens Blick liebevoll das total versiffte Klo heran. Ein bedauernswertes Schamhaar und ein angetrockneter Urinfleck, lecker! Dann geht sie in die Knie und wischt mit ihrer Muschi schwungvoll einmal im Kreis um die Klobrille herum: „Hygiene wird bei mir klein geschrieben“. Wer jetzt kein Popcorn hat, braucht keines mehr.

So fängt der Debütroman der ehemaligen Viva-Moderatorin Charlotte Roche an, mit dem sie 2008 die Bestsellerlisten stürmte. Millionen Leserinnen und wohl auch Leser wollten damals wissen, was es mit der köstlich launig geschriebenen, jungfeministischen Porno-Provokation auf sich hatte. Ein Theaterstück gibt es bereits davon. Nun hat sich der Regisseur David Wnendt, der schon mit seinem Film „Kriegerin“ über die Neonazi-Szene reichlich Aufmerksamkeit und Preise gewann, an die Verfilmung des Romans gemacht. Roche hatte ihr als Monolog verfasstes Buch über die 18-jährige Helen wegen seiner „Hardcore-Splatter-Porno-Szenen“ eigentlich für unverfilmbar gehalten. Dann hat sie es sich aber anders überlegt. Zu recht, wie nun Wnendts Film aufs Effektivste beweist. Mit gnadenlosem Vergnügen und einer saftig-satten, schwingenden Farbpinselquaste suhlt sich der Film durch die wüstesten Obszönitäten – er ist erst ab 16 Jahren freigegeben.

Nichts wird ausgelassen

Da wird nichts ausgelassen an spektakulärer Hochglanzspucke und brillant glitzerndem Ausscheidungsgepopel. Da klebt das Sperma in Großaufnahme an glitschigen Fingern; wieder und wieder wird Muschischleim angeschnuppert und hinters Ohrläppchen getupft; hingebungsvoll schmatzen rosafarbene Zungen an eichelig flutschigen Avocado-Kernen herum, und noch das unschuldigste Wassermelonenessen wird zur ohrenbetäubend übertriebenen Lutschorgie.

Helen masturbiert in der Badewanne mit dem Duschkopf und frischem Marktgemüse; ihre Freundin kackt ihrem blöden Drogendealer-Lover auf den Bauch; die Mädchen tauschen ihre wie nach der Schlachtung eines Vampirs bluttriefenden Tampons aus – und all das sämig-saftige Gelutsche und Geflutsche geschieht, ohne dass je ein weibliches Geschlechtsteil ins Blickfeld geriete. So viel Feminismus muss sein. Dafür gibt es jedoch einmal kurz vier proper aufgestellte Schwänze zu sehen. Zum pathetisch anschwellenden Crescendo von „An der schönen blauen Donau“ wichsen vier Herren vom Pizza-Service im Dreivierteltakt ihr Sperma auf eine Bigsize Spinatpizza. Guten Appetit!

Die Musik (Komponist: Enis Rotthoff) macht das überopulent ausstaffierte Bildermenü erst komplett. Die unwiderstehliche, zum Verknallen zauberhafte Helen/Carla Juri düst (mit Stuntfrau) zu donnermäßiger Punkrockmusik von Canned Heat über Thee Headcoatees bis zu Peaches wie irre durch die Gegend.

Ihr Vater, der als Tatort-Komissar bekannte Axel Milberg als wampig gemütlicher Saftsack mit dicken Eiern und neureichem Angeberpool, pimpert seine zu junge Freundin auf Bubble-Plastikfolie, während sein übertrieben blutrotgelbes Tomaten-Omelett zu Puccini-Gekreisch divenhaft verbrutzelt. Und bei den Auftritten von Helens Mutter – Meret Becker als herrlich schmallippig verkniffene Katholizismus-Konvertitin – bleibt der Hallraum merkwürdig hohl. Und halt: Sie zeigt sogar einmal kurz ihr irgendwie ganz asexuell dröges Geschlechtsteil.

Doch bevor nun ein falscher Eindruck entsteht: Neben der Überwältigung durch sinnenstarke Bilder von frugalen Körperausscheidungsszenarien und highspeedigen Rauschorgien – ein Drogenexzess der beiden Freundinnen wird mit psychedelischer Kitschironie in grüngelben Schlieren wie ein Film im Film ausgemalt – hat „Feuchtgebiete“ auch eine nicht unerheblich herzergreifende Story zu bieten.

Wie im Roman (und wie die Autorin Roche) ist Helen nämlich ein armes verletztes Scheidungskind, das sich nichts mehr wünscht, als beide Eltern wieder zusammen zu haben. Ihre verzweifelten Kupplungsversuche spielen sich vor allem im Krankenhaus ab, in dem Helen an ihrem betüddelten Po- Loch operiert wird wegen einer – ja, schon wieder – ziemlich ausführlich, eklig und detailliert ausgeschmückten, aber nie sichtbaren Analfissur, die sie sich beim Rasieren ihrer Blumenkohlrosette zugezogen hat. Ein lieber, also unbedarfter Pfleger namens Robin (Christoph Letkowski) ist das Objekt von Helens naseweisen Aufklärungen über Würgereize beim Oralsex – ebenso wie ein klemmig autoritärer Chefarzt (Edgar Selge) die Folie für Helens rebellisch-jugendlichen Trotz ist. Am Ende, so könnte man nun befürchten, wird Helen ein bisschen geheilt, also erwachsen sein und vielleicht gar mit Robin… Nicht von hinten, sagt der, vorerst jedenfalls.

Dem Regisseur David Wnendt ist mit seiner herrlich rasanten komischen Verfilmung das seltene Kunststück gelungen, die Romanvorlage kongenial fürs Kino zu adaptieren und sie ebenbürtig in einen tollen, lustigen, bild- und musikstarken Film zu übersetzen. Charlotte Roches Nachfolgeroman „Schoßgebete“ wird übrigens auch schon verfilmt – von „Sommermärchen“-Regisseur Sönke Wortmann.

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Feuchtgebiete Dtl. 2013., Kinostart am 22.08.2013

Regie: David Wendt, Drehbuch: Claus Falkenberg, David Wendt nach dem Roman von Charlotte Roche,

Darsteller: Carla Juri, Meret Becker, Axel Milberg, Marlen Kruse u..a.; 109 Min., Farbe. FSK ab 16.