Am kommenden Mittwoch um 20.30 Uhr stellt  Christian Y. Schmidt sein neues Buch „Im Jahr des Hasendrachen“ im Kreuzberger  Monarch vor. Der Verbrecher Verlag empfiehlt es für alle, die mehr über China erfahren wollen als das, was sie sowieso schon wissen.  Zu einer Buchpremiere gibt es üblicherweise einen Tisch, auf dem bisherige Bücher des Autors ausliegen, bei Schmidt wäre das der Vorgängerband „Im Jahr des Tigerochsen“ von 2011. Da wird der Vorrat knapp. Denn die Verbrecher aus Berlin gehören wie  92 weitere Verlage zu den Opfern eines Großbrands in einem Außenlager der Buchauslieferung LKG in Naunhof bei Leipzig. Die Leipziger Kommissions- und Großbuchhandelsgesellschaft ist eine Tochter der  in Stuttgart ansässigen Koch, Neff & Oetinger Verlagsauslieferung  (KNO VA), also des größten deutschen Barsortimenters für den Buchhandel. 150 Verlage hat die LKG unter Vertrag.

13.000 Paletten mit Büchern

Von den Nachrichtenagenturen unbemerkt, brannten am 5. April in Naunhof zwei von fünf Hallen. Bis zu 13.000 Paletten mit Büchern können betroffen sein, teilte jetzt die Stuttgarter Zentrale auf Nachfrage mit. Paletten, man kennt sie aus  dem Alltag, sind Hilfsmittel in Lagern, um viele Waren auf einmal  mit einem Gabelstapler bewegen und unterbringen zu können.  Wie viele Bücher auf solch eine Palette passen, hängt von der Größe und dem Umfang eines Buchs auf. Von   Dürrenmatts „Physikern“ passen logischerweise fünf Mal so viele Exemplare  auf eine Palette wie vom siebenten „Harry Potter“-Band. Aber das ist nur ein Rechenbeispiel, weder der Diogenes noch der Carlsen  Verlag sind betroffen.

Wie viele Bücher vernichtet sein können, kann man in den Verlagen, die ihre Bücher  in Naunhof haben, jetzt nur ahnen. Sie wurden und werden zwar schnell und umsichtig von der Auslieferungsfirma informiert, doch noch sind Gutachter in den Hallen unterwegs und die Polizei sucht nach der Ursache des Brandes. 

Einige Zahlen gibt es schon: Mindestens 25000 Bücher aus dem Verbrecher Verlag sind verbrannt oder beschädigt. Mindestens 10000 aus dem Wiener Milena Verlag, teilte die Pressestelle per Mail mit. Andrea Kruska  vom Mare Verlag Hamburg weiß, dass 50000 Bücher und Zeitschriften zerstört sind, vielleicht noch mehr. Auch der Antje Kunstmann Verlag in München muss mit einem Verlust von 50000 Exemplaren  rechnen, heißt es in einer ersten Schätzung, die dem Vertriebsleiter Uli Deurer vorliegt. Und bei der Eulenspiegel Verlagsgruppe in Berlin geht man gar von 170000  zerstörten Büchern aus. „Es könnte aber noch schlimmer sein“, sagt die Pressechefin Simone Uthleb.

 

Ein Loch in der Kasse

Die Bücher sind versichert, und doch sind die Folgen für die Verlage ernst – besonders für die kleinen. Jörg Sundermeier sagt, dass er für „Im Jahr des Tigerochsen“ sofort einen Nachdruck veranlasst habe.  Nachdrucken werde er auch den ersten Band der Erich-Mühsam-Tagebücher, dann muss er abwägen. Denn die Kosten waren in seinem Etat nicht vorgesehen. So geht es vielen Verlagen: In dem Außenlager hatten sie keine Neuerscheinungen oder Bestseller deponiert, sondern Titel, die weniger intensiv nachgefragt werden. Bei Eulenspiegel allerdings war es die Produktion der letzten drei Jahre.  Überhaupt können manche Titel durch ein neues Buch desselben Autors bald wieder stärker gesucht werden, oder wenn der etwa durch einen Preis mehr Aufmerksamkeit bekommt. 

Der Milena und der Verbrecher Verlag schickten jetzt gleichlautende Aufrufe an die Leser: „Wenn Sie alsbald ein Buch aus unserem Verlag erwerben wollten, kaufen Sie es jetzt. Wenn Sie ein Buch aus einem anderen LKG-Verlag, der betroffen ist, erwerben wollten, kaufen Sie es jetzt.“ Denn die Neuauflagen müssen bezahlt werden, bevor  Geld von der Versicherung kommt.