Ein Kurzschluss soll es gewesen sein, der Notre-Dame aufflammen ließ. Bei Restaurierungsarbeiten, heißt es. Aber: Die gotische Kirche soll innerhalb von fünf Jahren wieder aufgebaut werden und das, versichert der französische Staatspräsident, schöner als zuvor.

Die Achtlosigkeit, der das Bauwerk zum Opfer fiel, droht sich in ihrem Wiederaufbau zu wiederholen. Hoffen wir, dass dieser Triumphalismus, dieses Gefühl, immer besser sein zu müssen als die anderen, demütigeren Tönen weichen wird. Bei den Hilfsaktionen zeichnet sich das gleiche Schema ab. Französische Milliardäre stellen Hunderte von Millionen Euro für den Wiederaufbau in Aussicht. 800 Millionen sind so schon versprochen. Für Kindergärten und Arbeitsplätze ist noch nie so viel Geld so schnell bereitgestellt worden.

Das Geschäft mit dem Glauben

Dreizehn Millionen Menschen aus aller Welt besuchen jährlich die Kathedrale. Wie viele davon auch um der Gottesdienste willen kamen, weiß ich nicht. Das wird einem auch nicht auf der Website „Notre-Dame de Paris“ mitgeteilt. Dafür konnte man dort auch am Karfreitag noch eine kleine (zwei Euro) oder eine große (fünf Euro) Kerze erwerben, die dann für einen im Herzen der Kathedrale entzündet würde. Glaube ist immer auch ein Geschäftsmodell.

Notre Dame ist nicht nur eine Kirche. Notre Dame ist ein nationales Monument. Frankreich war nach dem Römischen Reich der erste katholische Staat. Es ist „die älteste Tochter der katholischen Kirche“. Das hindert, wenn die Gerüchte stimmen, den Vatikan nicht daran, für den Wiederaufbau von Notre-Dame nichts zu spenden.

Bis in den Traum

Warum aber schrecken mich die Bilder der in Flammen stehenden Kathedrale so sehr? Warum verfolgen sie mich bis in die Träume? Ich bin nicht religiös. Ich glaube auch nicht an die europäische Kultur. Ich weiß, dass sie als eines ihrer Hauptgeschäfte immer wieder ihre eigene Vernichtung betreibt. Die Vernichtung von Menschen und Dingen, von Überzeugungen und Errungenschaften. Woher also meine Erregung?

Achtlosigkeit. Notre-Dame ist keinem Anschlag zum Opfer gefallen. Niemand wollte die Kathedrale zerstören. Nach dem, was wir derzeit wissen. Schneller bemerkt, hätte der Schaden schnell behoben werden können. Mit ein klein wenig mehr Aufmerksamkeit wäre es womöglich nicht einmal zu einem Kurzschluss gekommen.

Ein Geschehen ohne Täter

Die Bilder der brennenden Kathedrale erschütterten mich. Sie zeigten mir, dass nichts Bestand hat, dass alles hinfällig ist. Auf nichts ist Verlass. Ein erschütternder Augenblick. Ich fühle mich allein und ausgeliefert. Auch wenn mir die Kathedrale von Notre-Dame kaum mehr als eine schöne Attraktion ist. Ähnlich war es mir mit den im März 2001 zerstörten Buddha-Statuen von Bamiyan ergangen. Aber damals gab es den Mullah Mohammed Omar, der seinen Taliban die Sprengung der monumentalen Buddhstatuen befohlen hatte. Fünf Tage brauchten sie für ihr Werk. Es gab Täter. Die Tat hatte einen Sinn.

Was Notre-Dame widerfuhr war sinnlos. Mit seiner Zerstörung war kein Zweck verbunden. Es passierte einfach. Wir wähnen uns in einer Welt von Zwecken. Alles, was geschieht, geschieht, weil wir es wollen oder weil ein anderer es will. Denken wir. Wir gehen ins Büro, weil wir Geld brauchen oder weil es uns – seltenes Glück! – Spaß macht. Manchmal streunen wir ein wenig durch die Straßen, absichtslos. Je nach dem – genießen wir es oder wir genieren uns. In beiden Fällen aber betrachten wir es als Ausnahme, als eine kleine Flucht aus der Realität.

Wir sind Produkte des Zufalls

Die Meldung aber, dass die Ursache des Menetekels der brennenden Kathedrale von Notre-Dame ein Kurzschluss war, erhellte mit einem Schlag unsere wirkliche Situation. Wir mögen in einer Welt von Zwecken leben, die aber sind eingebettet in die Sinnlosigkeit des Ganzen. Unser Leben, der Zwecke beraubt, die wir oder andere ihm geben, ist sinnlos. Wir sind das zufällige Produkt einer zufälligen Kopulation von Generationen ebenso zufällig entstandener Lebewesen.

Die Erde, auf der wir leben, unser Sonnensystem, alles was ist, ist das Produkt bestimmter einmaliger Konstellationen. Nirgends ein Plan, nirgends auch nur der „Traum von einer Sache“. Das Universum ein Kurzschlussgewitter. Das Ganze hat keinen Zweck. Gerade darum, so dämmert mir, sind wir so scharf auf Zwecke. Sie erst schaffen uns die Möglichkeit, zwischen Erfolg und Misserfolg zu unterscheiden. Es ist viel Kluges gegen die Zweckrationalität geschrieben worden. Aber vielleicht gibt es doch gar keine Rationalität ohne die Idee eines Zweckes.

Auf die Knie!

Die kleinen Zwecke, mittels derer wir – mehr oder weniger erfolgreich – unseren Alltag organisieren, sind leicht zu überbieten. Sie spielen gar keine Rolle mehr, wenn andere, größere ins Spiel gebracht werden. Was ist schon das pünktliche Erscheinen am Arbeitsplatz gegen einen Gestellungsbefehl? Was die Nation gegen unser Gewissen? Was ist unser Wille gegen den Gottes?

Womit wir wieder bei Notre-Dame wären. Notre-Dame wurde erbaut, um dem Leben einen Sinn zu geben. Na ja, sagen wir, es wurde auch erbaut, um jedem klarzumachen, dass das Leben einen Sinn hat. Weil es einen Herrn hat, vor dem in die Knie zu gehen eine wesentliche Aufgabe unserer Existenz ist.

Ein Haus für den Einzig-Wahren

Der riesige, himmelstrebende Bau, neben dem die ihn umgebenden Bürgerhäuser wie Puppenstübchen wirken, war ein Gotteshaus, war Himmel auf Erden. Notre-Dame verkörperte nicht einen, sondern den Zweck. Den Einzig-Wahren, den, dem alle anderen sich unterzuordnen hatten. Ob das jemals wirklich geglaubt wurde, ob auch nur seine Erbauer davon überzeugt waren, ob die Mehrheit der Kirchgänger der vergangenen Jahrhunderte auch nur einen Gedanken daran gewandt haben, weiß niemand.

Aber das war die Botschaft. So wie mit einem Trump-Tower Trump gehuldigt wird. Notre-Dame war ganz unabhängig von seiner sinnstiftenden Wirkung auch einfach ein Monument der Macht. Der Macht von Kirche und Staat, der Macht der Verbindung beider, die sich ausgab für die Verbindung von Himmel und Erde.

Kurzschlussgedanken

Gotische Kathedralen feiern diese Macht. Sie stehen nicht für den lieben Gott, geschweige denn für Jesus, den Gefährten der Fischer, Zöllner und Huren. Sie sind Monumente des Weltenherrschers. Ein Sinnproduzent auf allerhöchster Ebene. Auch wer nicht an ihn glaubt, kann sich vorstellen, wie viel Trost ein solcher Glaube spenden kann angesichts der allgemeinen Sinnlosigkeit. Er weiß aber auch, zu wie viel Gewalttätigkeit jemand ermuntert wird, der den allmächtigen Gott auf seiner Seite weiß.

Es ist ein weiter Weg von dem Schrecken über die in Flammen stehende Kathedrale von Notre-Dame, über den die Katastrophe auslösenden Kurzschluss bis zu den Erwägungen über Gott, die Welt und unser Leben darin. Aber auch unsere Gedanken bewegen sich nicht nur im Gleichstrom. Auch sie werden von Kurzschlüssen durchzuckt.