Als der Publizist Ludwig Börne seinen Intimfeind Heinrich Heine einmal besonders perfide verletzen wollte, schrieb er, der Dichter sei „an einem Tage des blutigsten Kampfes ein Knabe, der auf dem Schlachtfelde nach Schmetterlingen jagt“. Ein schöneres Kompliment dürfte Heine kaum jemals gemacht worden sein, denn blutige Kämpfe haben ihn nie interessiert, seine Leidenschaft gehörte mit seinen Gedichten und Essays der Jagd nach literarischen Schmetterlingen.

Eher Schriftsteller denn Journalist

Publizist versus Dichter – vor die Wahl gestellt, würde Arno Widmann sich ohne zu zögern immer für den Dichter entscheiden. Genau genommen, hätte er gar keine Wahl. Denn Arno Widmann – einer der klügsten, gebildetsten und scharfsinnigsten Journalisten der Republik – hat sich im Innersten stets selbst eher als Schriftsteller denn als Journalist betrachtet. Zu recht. Feuilletonisten beschreiben Literatur und bewerten sie, Arno Widmann erklärt sie. Das kann er wie kein anderer, denn die Welt der Literatur ist sein Zuhause, von dem aus sein Blick in andere Welten – der Geschichte, Physik , Astronomie, Astrophysik, Philosophie, Frauen, Theologie, Musik etc. schweift. Ausgeschlossen, weil nicht von Belang, sind nur Pop und Sport, denn nichts unterhält Arno Widmann weniger als so genannte Unterhaltung.

Das Schmetterlingsnetz, mit dem er unermüdlich Tag für Tag auf das Schlachtfeld der Wirklichkeit zieht, ist sein Verstand, die Beute, die er nicht ohne Stolz in Leitartikeln, Essays oder Interviews vor seinen Lesern ausbreitet, stets ein Erkenntnisgewinn. Hätte Arno Widmann ein Lebensmotto – undenkbar! –, dann müsste es aus den vier Worten bestehen, mit denen er häufig die entscheidenden Sätze seiner Artikel eröffnet: „Wir müssen uns klarmachen…“ Arno Widmann ist ein Aufklärer, der weiß, dass Klarheit kaum zu erlangen ist. Antworten interessieren ihn nur, wenn sie den Zugang zur nächsten Frage eröffnen.

Ein politischer Feuilletonist mit Vorliebe für den Chefsessel?

Arno Widmann war – nach einigen Jahre als Student in Frankfurt am Mai unter anderem bei Adorno – einer der Mitbegründer der taz, war dort Literaturredakteur, einige Zeit auch Chefredakteur, er war stellvertretender Chefredakteur der deutschen Vogue, Feuilletonchef der Zeit, Chef der Meinungsseite der Berliner Zeitung, Feuilletonchef der Frankfurter Rundschau, heute ist er Autor des DuMont-Hauptstadtbüros.

Der Blick auf Arno Widmanns berufliche Stationen legt die Vermutung nahe, er sei ein politischer Feuilletonist mit einer Vorliebe für den Chefsessel. Das ist ganz falsch. Wer Arno Widmann als politischen Feuilletonisten bezeichnet, der verwechselt auch ein Sinfonieorchester mit einem Duo. Wer ihn kennt, der weiß auch, dass Arno Widmann nur deshalb so gerne auf Chefsesseln Platz zu nehmen pflegt, weil er nur so sicherstellen kann, nicht selbst unter einem Chef arbeiten zu müssen.

In Wahrheit ist er ein Anarchist – nicht aus Überzeugung, sondern aus der Einsicht, dass die chaotische Wirklichkeit ohnehin nicht gebändigt, sondern allenfalls analysiert werden kann. Das gelingt nur dem, der den Überblick hat. Daran hat es Arno Widmann nie gefehlt, ob mit oder ohne Chefsessel. Sterne brauchen keine Sitzgelegenheit.

Arno Widmann, der besonders gemochte und verehrte Kollege, wird am Montag 70 Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch!