Das Fleisch ist noch warm. Die Frau geht sehr nah an den Torso des gerade verendeten Rinds, sie hält die Kamera zwischen sich und den Kadaver. Nachher, als sie die Fotos aus dem Entwicklerbad holt, ist nur noch Struktur zu sehen. Ein Gemälde aus hellen und dunklen Flächen, Linien und Schatten. Die Bilder verkaufen sich gut. Franziska (Eva Mattes) ist eine renommierte Fotografin geworden. Eine Bildermacherin, eine, die sich Welt aneignet und verwandelt.

Eine Rückblende: Zu sehen ist ein Mädchen, zehn, elf Jahre alt, bedeckt mit einer Flut von Fotos. Die Stimme – die der erwachsenen Erzählerin – sagt „Ich war mit Bildern zugedeckt, damit die Welt mich nicht sieht, aber ich sie.“ Elfi Mikesch hat mit „Fieber“ ihren persönlichsten Film gedreht – einen Film, der zurückkehrt an den Ursprung aller Kreativität: in die Kindheit. „Fieber“ erzählt die Geschichte eines verstörten und zugleich starken Kindes. Franzi sieht alles und entzieht sich zugleich – damit überlebt sie einen Vater, der mit seiner Vergangenheit die ganze Familie terrorisiert.

Martin Wuttke spielt den ehemaligen Fremdenlegionär als sensiblen Paranoiker, beherrscht von Bildern der Vergangenheit, macht er die Familie zu Geiseln seiner Wahnvorstellungen, einer unseligen Mischung aus Ambition und Schwäche, Zärtlichkeit und Brutalität. Das Kind erforscht die geheime Welt des Vaters indem es sich dessen Bücher und Fotografien ansieht – und Strafe fürchtet, wie immer, wenn es um Erkenntnis geht. Mikesch siedelt diese Kindheit in einem verwunschenen Garten an, das Klavier steht in einer Art Gewächshaus, alles in der Wohnung birgt ein Geheimnis. Erst nach dem Tod des Vaters beginnt die erwachsenen Tochter eine Reise in die Kindheit des Vaters – nach Novi Sad, zu den Jesuiten, bei denen der Vater seine „Strengheiten“ erfuhr.

Mikesch, 1940 geboren, ist in ihrem berückend schönen Film dem auf der Spur, was ihr eigenes Leben als untergründige Strömung bestimmt hat – den Prägungen des Kriegs. Den Verheerungen, die Kolonialismus und Menschenverachtung noch Generationen später in den Kindern, Enkeln und Urenkeln hinterlassen. Gelingt es ihr, den Vater hinter sich zu lassen? Als Franziska schließlich in Novi Sad ankommt, findet sie Menschen vor, die von der Vergangenheit ihres Vaters nichts wissen wollen. Die Geschichte hat ihn längst hinter sich gelassen. In der Begegnung mit der Gegenwart versöhnt sich Franziska mit dem Leid ihrer Kindheit.

Fieber: 11. 2., 19.30 Uhr, CineStar Imax; 12. 2.: 17.45 Uhr, CineStar3;

13. 2.: 14 Uhr, International.