Der Mann führt Buch über abscheuliche Wörter. „Beziehung“ gehört dazu und „investieren“. Am schlimmsten ist die Kombination von beidem, die Formel emotionaler Kleinkrämer. Felix, ein soignierter Sechziger mit Silberhaar und stechendem Blick, belehrt einen deutlich jüngeren Mann über die Liebe.

Für Thomas aber, Mitte dreißig, von provozierender Vitalität, zählt nur die Verliebtheit, mit der Ehe sei der Mensch überfordert. Zwei Männer, zwei Prinzipien, so scheint es. Der eine Musiker, der andere Rechtsanwalt. Der ältere ein Moralist, dem die Ehe „Heimat“ ist, der jüngere ein Libertin, der den Rausch der Sinne zelebriert. Mit der Reife, schwadroniert er, erlange die Frau ihre volle Genussfähigkeit.

Da weiß der Zuschauer – und nur der – bereits, wen er im Speziellen meint: die Ehefrau seines Gegenübers. Bis vor Kurzem hatte er eine heimliche Liaison mit ihr. Doch „Am Hang“ ist keine Dreiecks-Geschichte. Es geht um zwei Männer jenseits der Liebe. Jeder von ihnen ist ein Lügner – auf seine Art.

Hinter der Fassade brodelt die Wut

Markus Imboden rückt das ungleiche Männerpaar ins Zentrum seines Films. Die gemeinsamen Ess- und Trinkgelage werden zur wiederkehrenden Zäsur einer Erzählung, die sich erst gegen Ende zuspitzt. Aber auch die Katastrophe implodiert, denn zur letzten Konsequenz ist der betrogene Ehemann nicht fähig. „Am Hang“ ist kein weiteres Film-Remake der Kreutzersonate.

„Am Hang“ ist ein Film, der angenehm aus der Zeit fällt. Seine edel gewandeten Figuren haben sich aus dem 19. Jahrhundert in eine Gegenwart wie unter einer Glasglocke verirrt. Das ist nicht überraschend, wir sind in der Schweiz, an irgendeinem Lago im Tessin. Das Hotel mit Edelholz und knarrenden Böden ist das ideale Refugium für den Zivilisationsverächter Felix. Henry Hübchen spielt ihn, als habe er niemals als „Jackie Zucker“ berlinert. Hinter der kultivierten Fassade aber brodelt die Wut auf Frau und Nebenbuhler.

Hübchen geht aufs Ganze in seinem Spiel. Erschöpfung, Hass, Trauer, das Wissen um die Demütigungen des Alterns: Alles durchdringt und überlagert einander in seinem Blick und der gebrochenen Stimme. Max Simonischek ist ihm ebenbürtig in seinem Facettenreichtum. Am Ende liegt vor allem die Ähnlichkeit der beiden Männer bloß. Keiner von beiden hat auch nur eine Ahnung von der Frau. Martina Gedeck entzieht sich als Valérie den Projektionen der beiden Männer. „Ich will nicht immer von dir verstanden werden“, sagt sie zu Felix. „Das hat nichts mit dir zu tun“, zu Thomas. Schlimmeres hätte sie nicht sagen können. Für den einen ist sie Besitz, für den anderen Spiegel, dazwischen liegt nichts.

„Am Hang“ ist ein spannungsgeladenes Kammerspiel über die Missverständnisse der Männer, was die Liebe betrifft. Inszeniert in Innenräumen von ausgesuchtem Geschmack, erscheint der Film wie ein Kaleidoskop, das die krisenverschonten Eidgenossen in immer neuen und doch ähnlichen Bildern zeigt. Markus Imboden, Schweizer mit Wohnsitz in Berlin, hat auch einen ethnologischen Film über die Schweiz gedreht.

Am Hang Schweiz/Deutschland 2013. Regie: Markus Imboden; Buch: Klaus Richter, Martin Gypkens nach dem gleichnamigen Roman von Markus Werner; Kamera: Rainer Klausmann; Darsteller: Martina Gedeck, Henry Hübchen, Max Simonischek; 91 Minuten, Farbe, FSK ab 12.