Weihnachten, Zeit für Märchen: Es war einmal ein Leuchtturmwärter an einer malerischen Küste. Als eines Nachts ein Sturm eine Meerjungfrau an die Klippen schmettert, wird diese selbstverständlich vom Leuchtturmwärter gerettet. Und schon ist es um die beiden geschehen, sie bekommen einen kleinen Buben, und leben glücklich... Halt! Sie bekommen einen Buben – und der Ärger geht los.

„Aquaman“ erblickte das Licht der Welt als Comicfigur

Bekanntermaßen ist das Meer gnadenlos, wie jeder aus Andersens „Meerjungfrau“ weiß. Das Meer fordert also die Jungfrau zurück, die zudem dem König von Atlantis versprochen ist. Der Bub aber wächst heran zu einem veritablen Herkules – auch so ein armer Bastard ohne richtiges Zuhause, hin- und hergestoßen zwischen den Welten. Keiner käme auf die Idee, diesen tätowierten Hünen, der mit Lukendeckeln und Torpedos um sich wirft als wären es Softbälle, schnöde als „Wassermann“ zu titulieren. Denn der ist ein alter Mann, nur eben mit Dreizack. Was soll daran cool sein?

„Aquaman“ hingegen erblickte das Licht der Welt als Comicfigur. Erstmals im November 1941 trat er in „More Fun Comics“ auf, einer Anthologie-Reihe des US-amerikanischen Verlags DC Comics; seither gehört er zum Figurenarsenal des, neben Marvel Comics, größten Players auf dem Markt der Comics und ihrer filmischen Adaptionen. Die superheldischen Verwicklungen, die in den sogenannten „Universen“ der beiden konkurrierenden Verlage/Studios in Form von Sequels, Prequels und Spinoffs fantasiert werden, sind schier unüberschaubar.

Während sich im „Marvel Cinematic Universe“ unter anderem Iron Man, Thor und Captain America als „The Avengers“ zusammen gefunden haben und es mit den Bösewichtern dieser Erde aufnehmen, sind es im „DC Extended Universe“ Batman, Superman, Wonder Woman und weitere, die unter dem Decknamen „Justice League“ mit Unrecht und Verbrechen aufräumen. Bevor den globalen Missständen der Garaus gemacht werden kann, muss sich erst einmal untereinander mächtig gekloppt werden. Von dieser Regel weicht auch „Aquaman“ nicht ab, in dem eine bisherige Nebenfigur ins Zentrum gerückt und genealogisch ins Recht gesetzt wird. Wie also wurde aus Arthur Curry, so des Wassermanns bürgerlicher Name, der König der Meere?

Das ökologische Handlungselement geht schnell wieder flöten

Es geht mal wieder um die Weltherrschaft, genauer, Weltmeerherrschaft. Arthurs Unterwasser-Halbbruder, King Orm, hat die Kiemen voll davon, dass die Landratten ihren Müll in seinen Lebensraum kippen und sinnt auf deren Vernichtung. Als Warnung sowie zur allgemeinen Verwunderung der Festlandbewohner lässt er die See den Plastikmüll sowie die Kriegsschiffe zurück an die Strände spucken.

Oho!, denkt die Zuschauerin, ein Superhelden-Film mit umweltbewusster Agenda, und schaltet das Gehirn wieder ein. Vergeblich, das ökologische Handlungselement geht schnell wieder flöten; zugunsten eines Spektakels, gegen das der spanische Erbfolgekrieg ein Pappenstiel war. Aquaman, als Mischwesen zwischen den Stühlen angesiedelt, tritt Orms Plänen entgegen und fabuliert von Respekt und friedlicher Koexistenz. Außerdem hat er als Erstgeborener Anspruch auf den Thron, er muss nur zunächst noch den Superdreizack des ersten Königs von Atlantis finden. Nichts leichter als das!

Die Unterwasser-Wesen sind sittlich-moralisch auch nicht besser gerüstet als ihre Verwandten auf dem Festland 

Es war bis dahin schon nicht eben langweilig, nun aber geht es erst so richtig los. Verfolgungsjagden und Raufhändel wechseln in rascher Folge, notgedrungen unterbrochen von eher schlicht gehaltenen Dialog-Szenen, die immerhin die Gelegenheit bieten, sich über gestandene Mimen (Patrick Wilson! Dolph Lundgren! Willem Dafoe!) zu amüsieren, die mit Wallehaar durch vorgebliches Wasser schweben und dabei ernst zu bleiben versuchen. Was Regisseur James Wan respektive seine rührige Special-Effects-Crew auf die Leinwand zaubern, ist ein veritabler Farben- und Formenrausch, der einen zwischendurch sogar vergessen lässt, dass die Geschichte, die hier erzählt wird, ziemlich dünn ist.

Allerdings, immer wenn „Aquaman“ die hochdynamische Unterwasser-Umgebung verlässt, wirkt die mindestens dreifache Schwerkraft auf den Film ein und er kommt bleifüßig kaum mehr vom Fleck. Wie aus Verzweiflung wird sodann ein direkt aus dem Prospekt für europäische Klischee-Idyllen entnommenes sizilianisches Dorf zu Kleinholz verarbeitet.

Warum eigentlich? Als sich die Wogen glätten, tritt Ernüchterung ein und wir erinnern uns: Es war die Hybris ihrer Bewohner, die einst zum Untergang von Atlantis führte. Kein Wunder also, dass es unter Wasser jetzt derart zugeht, die Wesen dort sind sittlich-moralisch auch nicht besser gerüstet als ihre Verwandten auf dem Festland.

Aquaman USA 2018. Regie: James Wan, Drehbuch: David Leslie Johnson-McGoldrick, Will Beall, Kamera: Don Burgess, Musik: Rupert Gregson-Williams, Darsteller: Jason Momoa, Amber Heard, Temuera Morrison u. a., 143 Minuten, Farbe. FSK: ab 12 Jahren.