Bei den Aufnahmen zu „Aquarela“: Mit der Kamera am Eisberg.
Foto: Damned Distribution 

BerlinKein Element, keine Naturgewalt, kein Teil unsere Biosphäre birgt ein so großes ästhetisches Potenzial wie das Wasser. In der fließenden Bewegung der Ozeane und Flüsse, als Dampf, der in den Himmel steigt oder gefroren in Hunderttausende Jahre alten Gletschern:  „Aquarela“ ist Victor Kossakovsky Versuch das Element in all seinen Formen und Aggregatzuständen abzubilden. Ein ästhetisches und filmisches Großprojekt, das der russische Regisseur mit seinem Kameramann Ben Bernhard mit entsprechendem technischen Aufwand angeht. 

Explosionsartiger Donner

Der Film zeigt Wasserfälle, Riesenwellen und Eismassen in hochauflösenden Aufnahmen, die jeden Spalt eines Gletschers in hellem Blau erstrahlen lassen. Ein idyllisches Bild, das mit einem explosionsartigen Donner aufgelöst wird. Aus der Eiswand bricht ein scheinbar winziger Brocken ab, der in Wirklichkeit wohl Tausende Tonnen wiegt. Der gewaltige Aufprall rüttelt mit seinen Wellen den eben noch ruhenden Ozean. Begleitet vom lauten Splittern des Eises, das wie ein heftiges Gewitter grollt, wälzt sich der abgebrochene Eisberg in den Fluten, wo er mit dem Atem der See auf und ab wiegt. Ein ums andere Mal erkundet Kossakovskys Film, wie rasch sich das Gemüt des Ozeans mit Wind, Wetter und Gezeiten verändert.

Der Trailer zu "Aquarela"

Quelle: Youtube

Überzogen von den dunklen Wolken eines Sturms wandelt sich die blaue Ozeanoberfläche in ein pechschwarzes, unruhig tosendes Ungetüm. Aus spektakulärer Höhe starrt die Kamera auf dieses Schauspiel hinab, während sich die Wellen weiter auftürmen. An der Küste schließlich sind sie in ihrer gewaltigsten Form zu sehen. In Zeitlupe ist zu sehen, wie sich die Wassermassen zu haushohen Wellen auftürmen, die am oberen Rand des Bildes kratzen, bevor sie auf dem höchsten Punkt zum Stillstand kommen und sich scheinbar unendlich langsam brechen. Für einen kurzen Moment, bevor alles von der Gischt eingeschlossen wird, ist der Glatte Buckel der Welle zu sehen, über den die Wassermassen in einer perfekten, runden Bewegung wieder hinabstürzen. Jedes Bild von „Aquarela“ ist Ausdruck der Kraft, die in den Elementen wohnt. Jede Einstellung, ob sie statisch bleibt oder in Bewegung kommt, ob sie Eis, Dampf oder Wasser zeigt, sucht und findet die Naturgewalt.

Heavy Metal und Riesenwelle

Eine Überwältigungsstrategie, die bereits so viel ästhetisches Pathos mitbringt, das weder ein Off-Kommentar noch Musik nötig wären, um ihre Wirkung zu unterstreichen. Auf letzteres will Kossakovsky jedoch nicht verzichten und unterlegt die spektakulärsten Szenen mit Heavy-Metal-Tönen aus der Feder des Cellisten und Apocalptyca-Gründers Eicca Toppinen. Eine Untermalung, die im Gegensatz zum präzise gesetzten Sounddesign von Alexander Dudarev ziemlich weit über das Ziel hinaus schießt. Die tatsächliche Größe und die ungeheure Energie, die der Ozean in sich trägt, bringt der Film am ehesten über eine entscheidende Wechselbeziehung zum Ausdruck. Es ist das Verhältnis von Naturgewalt und Mensch, das eine viel größere Spannung erzeugt, als es jede mit lauter Musik untermalte Riesenwelle es könnte.

Foto: Damned Distribution
Aquarela

GB, Dtl., Dk., USA 2018. Regie: Victor Kossakovsky; Buch: Victor Kossakovsky. Dokumentarfilm, 90 Minuten. FSK: ab 6 Jahre. Kinostart ist Donnerstag.  

Der Mensch taucht in „Aquarela“ nie als Protagonist auf, sondern stets als ein kleiner, unbedeutender Teil des Gesamtbilds. Als Gast, der sich in seiner Maßlosigkeit zwar für einen Hauptakteur hält, diese Stellung aber nie einzunehmen vermag. Bereits die ersten Szenen des Films, die eine Gruppe von Männern auf dem langsam tauenden Eis eines großen Sees zeigen, zeugen von der Hybris des Menschen. Während die Gruppe gerade ein Auto aus den Tiefen des Sees zieht, rast im Hintergrund bereits ein weiteres über das dünne Eis, das unter der Last quietscht wie ein Gummiball, der von einer Stahltür eingeklemmt wurde. Die nächste Einstellung zeigt die Katastrophe, die diese Bilder vorausgeahnt haben. Zwei Verunglückte starren panisch auf die Eisdecke. Als das Rettungsteam näher kommt sagt einer von ihnen, dessen blutiges Gesicht erstmals zu sehen ist: „Kolyan ist ertrunken“. Dann bricht die Eisdecke unter seinen Füßen.