Der ukrainische Filmemacher Sergei Loznitsa, 1964 geboren und aufgewachsen in der UdSSR, hat nach einer ersten Karriere als Mathematiker das Kino als Medium seiner Recherchen entdeckt. Seit den 1990er-Jahren erschafft er Bilder des post-totalitären Europas in komplexen Dokumentationen („Majdan“) und ebenso kraftvollen Spielfilmen („Im Nebel“, „Mein Glück“). Seit einigen Jahren lebt und arbeitet Loznitsa in Deutschland, wo er auch seine jüngste Doku gedreht hat. „Austerlitz“ zeigt Besucher deutscher Konzentrationslager-Gedenkstätten.

Herr Loznitsa, was war das Motiv für Ihre Beobachtung von Besuchern deutscher Konzentrationslager-Gedenkstätten?

Ich war in Buchenwald, zum ersten Mal, und ich habe ein merkwürdiges Gefühl bekommen, als ich realisierte, dass ich im Krematorium des KZs stand. Es war eine Frage an mich: „Was tue ich hier? Was habe ich hier verloren?“. Und die Frage ist immer noch offen. Wie geht man mit Erinnerung um? Wie bewahrt man sie? Wie präsentiert man, wie erklärt man? So wie es heute gemacht wird, geht es nicht.

War das Ihr erster Besuch in einer deutschen Konzentrationslager-Gedenkstätte?

Ja. Vor drei oder vier Jahren. Danach habe ich beschlossen, alle diese Orte in Deutschland zu besuchen. Wir haben in fünf oder sechs einstigen KZs gedreht. Ich habe schließlich Sachsenhausen und Dachau ausgewählt. Sie haben viele Besucher. Das ist der Mainstream (lacht gequält). Die Gründe sind rational. Sie sind nahe an großen Städten, an Berlin und München. Sachsenhausen ist einer der von Berlintouristen meistbesuchten Orte.

Es ist lange her, dass ich selbst in der der Gedenkstätte Sachsenhausen war. Ich habe das Verhalten der Besucher nicht so in Erinnerung, wie man es in Ihrem Film sieht. Aber das war vor den Smartphones.

Natürlich, aber die Menschen machen das nicht nur wegen der Smartphones. Die Menschen selbst haben sich verändert.

In welcher Hinsicht?

Ah, so wie Sie es im Film sehen. Vor zwanzig, dreißig Jahren war es, glaube ich, ganz anders. Mehr Respekt. Mehr Angst. Heute ist es eine Art Massentourismus. Man kann diese Orte natürlich auch anders besuchen. Allein. Nachdem man sich vorbereitet hat. Um zu verstehen, warum man hier hergekommen ist. Das ist die Hauptfrage: „Warum will man das sehen?“.

Ihre dokumentarische Methode in „Austerlitz“ ist sehr distanziert. Sie filmen aus der Entfernung, erst nach und nach engen Sie den Bildrahmen ein. Sie interviewen niemanden, Sie folgen auch nicht bestimmten Besuchern.

Ich biete dem Zuschauer an, sich seine eigene Meinung über das zu formen, was er sieht. Wir haben die Kamera nie versteckt. Sie war immer auf dem Stativ, ziemlich groß. Wir sind länger als üblich an einem Ort stehen geblieben. Ich wollte niemanden besonders hervorheben.

Warum?

Ich wollte keinen Fokus, auch nicht auf lächerliches Verhalten. Die Sache ist immer komplizierter. Warum machen Leute dort Selfies? Manche Besucher sehen nur durch die Kamera auf das Lager, durch das sie durchgehen. Wie ein Psycho. Aber möglicherweise nutzen sie die Kamera als Schutz. Noch komplizierter wird es ja dadurch, dass wir keine Antwort auf die Frage haben, wie es möglich war, dass diese Verbrechen dort geschahen. Auf den ersten Blick scheint alles verstehbar und zugänglich zu sein. Alles liegt auf dem Tisch, die historischen Fakten. Aber wie es möglich war – das ist immer noch die Frage. Was macht man da? Ich weiß es nicht.

Haben Sie keine Angst davor, dass Ihre Beobachtungsmethode vielleicht nicht abbilden kann, was in den Besuchern selbst passiert?

Man kann nicht in jemanden anderen hineinschlüpfen. Aber es gibt einen sehr interessanten Fund in den Neurowissenschaften: Wir haben sogenannte Spiegelneuronen, die in uns auf vielfältige Weisen arbeiten. Ich nutze diese Idee auch. Wenn man verstehen will, was eine andere Person denkt, dann müssen Sie diese nur lange beobachten – in Ihrem Gehirn werden all diese Gedankenzonen durch das Verhalten dieser Person berührt. Ihr Verständnis der anderen Peron wird viel tiefer sein, als wenn jemand nur zu Ihnen gesprochen hätte. Das ist die Methode. Wenn man die Geduld hat, zu observieren, dann wird sich aus der Beobachtung selbst Verstehen ergeben: aus Gesichtern, Verhalten, bestimmten Bewegungen, Gesten. Meinungen sind dagegen nichtssagend.

Warum haben Sie nicht nur eine Gedenkstätte gezeigt? Als Zuschauer kann man die Orte schwer unterscheiden.

An manchen der Orte gab es Krematorien, an anderen Baracken oder besondere Gefängniszellen. Für unsere Herangehensweise hat es keine Rolle gespielt, wo das war. Es war die gleiche Funktion, die gleiche Aktion, die gleiche Bewegung. Ravensbrück, Neuengamme, Dora-Mittelbau, Buchenwald, Dachau, Flossenbürg, Sachsenhausen. Am Ende haben wir nur zwei ausgewählt. Sie ähneln sich in den Besucherströmen. Bergen-Belsen, das abseits der Haupttouristenpfade liegt, und vielleicht nur 30 Besucher am Tag hat. Es gibt dort nur wenige Spuren, nur ein Memorial, ohne Stacheldraht, mit Fotos von 1945. Sachsenhausen lädt einen im Unterschied dazu ein, alles Mögliche zu sehen. In der jüdischen Kunsttradition gibt es das Verbot, menschliche Figuren abzubilden. Manchmal denke ich, dass es auch verboten sein sollte, etwas ganz zu zeigen. Wenn man die Vorstellungskraft adressiert, ist die Wirkung viel stärker.

Die Bilder der Touristen, die aus den Lagern in „Austerlitz“ strömen, könnte man sich rückwärts denken.

Die Lager und die Idee der industriellen Vernichtung haben eine direkte Verbindung zur industriellen Welt, zum Kapitalismus. Heute ist es zu einer touristischen Fabrik geworden.