Wie viel Wirklichkeit verträgt der Film? „Wir sind da, wo wir immer sind – in der unvollkommenen Wirklichkeit“, schreibt Elke Schmitter im Spiegel über „Blau ist eine warme Farbe“. Aber will man da hin, auch im Kino? Und wenn ja, wie? Der Realismus ist die größte Chimäre des Films. Auch in diesem, dem ein großer Rumor vorausgeht wegen der angeblich ungeschönten, wirklichkeitsnahen lesbischen Sexszenen. Es ist die Geschichte der 17-jährigen Schülerin Adèle, die sich in die etwas ältere, erfahrenere Kunststudentin Emma verliebt.

Während Emma (Léa Seydoux) eine selbstbewusste, intellektuelle und sexuell sehr entschieden auftretende Frau ist, für die sich Léa Seydoux ein paar herrlich kumpelhafte Gesten und Grimassen antrainiert hat, ist für Adèle (Adèle Exarchopoulos) nicht nur die lesbische Liebe neu, sondern jede Liebe. Entsprechend tief reicht die Prägung, die sie in den kommenden Monaten erfahren wird. Sie läuft, magisch angezogen von Emma nach ihrer ersten stummen Begegnung, durch das Lesbenterrain wie auf der Hut. Adèle wittert auch nach innen, oft steht ihr der Mund offen vor Anspannung darüber, was in ihr geschieht. Die Mischung aus Furcht und Abenteuerlust, später wildem Begehren und Schönheitstrunkenheit begleiten die Beziehungsgeschichte, bis sie in einem geregelten Nebeneinander zur beinahe ehelichen Ruhe kommt – und damit schon bald an ihr Ende. Ziemlich abrupt wirft Emma Adèle aus der gemeinsamen Wohnung: „Raus aus meinem Leben !“

Adèle zerbricht schier an der Trennung, weint, wie man selten im Film jemanden hat weinen sehen. Wenn die Bezeichnung „Verismus“ auf diesen Film überhaupt zutrifft, dann auf diese Szenen. Der Rotz fließt aus der Nase, dass man ihn fast zu schmecken meint. Das sind nicht nur begabt vergossene Filmtränchen; das Gesicht von Adèle Exarchopoulos wird von ihnen geradezu verwüstet. Es quillt auf, als reichten die Augen nicht, um das Wasser herauszulassen. Unglaublich, was sie leistet, genau wie Léa Seydoux: Beider Präsenz und Intensität tragen dazu bei, dass die drei Stunden vergehen wie manche 90 Minuten nicht. Die Vitalität, zu der Kechiche sie trieb, schmerzt noch immer. Öffentlich beschwerte sich Seydoux über die ausbeuterischen und diktatorischen Praktiken Kechiches. Paradox: Der Anschein unverstellter Wirklichkeit ist offenbar ohne Schinderei nicht zu haben.

Die fünfmonatigen Dreharbeiten sollen quälend gewesen sein. Umgekehrt helfen jetzt die Sexszenen, die drei Stunden Film ziemlich rasch vergehen zu lassen. Auf sie trifft der behauptete Naturalismus allerdings nicht zu. Sie dauern zwar länger als vom seriösen Kino gewohnt, sind dabei aber so kunstvoll arrangiert, drapiert, ausgeleuchtet und stilisiert, wie der gute Geschmack es hat zur Konvention werden lassen. Würde man genauer forschen, käme man wohl darauf, dass es vor allem die Töne sind, die manche Zuschauer peinlich berühren.

Wer dabei aber von Verismus spricht, hat noch keinen Amateurporno gesehen – ein Genre, das sich wegen seiner Ungekünsteltheit bei Hartgesottenen besonderer Beliebtheit erfreut. Aber auch mit den künstlerischen Versuchen von Lothar Lambert bis Andy Warhol, die Sexualität in ihrer oft etwas schnöden, unbeholfenen Wirklichkeit zu zeigen, hat Kechiches Film nichts zu tun. In den USA beschweren sich lesbische Initiativen sogar über das unrealistische Spiel der heterosexuellen Darstellerinnen.

Was den Film herausragend macht, ist zum einen die elementare Wucht, die er der Liebe zumisst. Zum anderen ist es der Ernst, mit dem sich der Film der Bildung widmet. Immer wieder erstaunt, wie häufig im französischen Film der Schulunterricht als Erfahrungsraum vorkommt. Adèle, aus einfacher Familie kommend, ist davon so geprägt, dass sie später unbedingt in einer Grundschule als Erzieherin arbeiten will.

Vor dem Hintergrund der klassischen Bildung, um den sich die Schüler bemühen, wirkt die Elementarkraft, mit der die Liebe sich der Seelen bemächtigt, umso mehr. Den heiteren Rationalismus, der so gerne im französischen Film herrscht, schiebt sie mit einer wilden Gewalt beiseite, dass es eine Lust ist – und eine Qual, wenn sie sich auf und davon macht.

Der Verlassenen gehört die ganze Bewunderung des Films. Sie wird vom Schmerz niedergestreckt, täglich und über Jahre, steht aber auch täglich wieder auf, um die Kinder zu unterrichten. Mit so viel Würde ist selten im Film Rotz und Wasser geheult worden. Sein Credo: Schämt euch nicht!

Blau ist eine warme Farbe. Frankreich 2013. Regie: Abdellatif Kechiche. Darsteller: Léa Seydoux, Adèle Exarchopoulos, Salim Kechiouche. Farbe 179 Min.