Film Cheyenne: Die Entdeckung der Langsamkeit

Wer sich nach dem Filmplakat für einen Kinobesuch entscheidet, wird es sich hier wohl zweimal überlegen. Will man den traurigen Clown darauf wirklich zwei Stunden lang ertragen? Sean Penn als alternden Rockstar „Cheyenne“ – nach dem Vorbild des Cure-Frontmanns Robert Smith auf Gruftie geschminkt? Man sollte es sich überlegen, denn genau darauf läuft es hinaus. Der italienische Regisseur Paolo Sorrentino wird Penn durch jede Szene seines ersten englischsprachigen Films schleichen lassen. Bekannt geworden durch „Il Divo“, sein satirisch-poppiges Porträt des Staatsmanns Andreotti, hat Sorrentino den filmischen Rhythmus diesmal auf das entgegengesetzte Tempo eingestellt. „Il Divo“ könnte aber auch dieses Männerporträt heißen.

Jahrzehntelanges Heroinschnupfen hat Cheyennes Lebenstempo verlangsamt. Das Singen hat er aufgegeben, aber ab und an fallen ihm lakonische Einzeiler ein. Dann aber verlässt er seinen noblen Ruhesitz in einer irischen Villa, um sich mit seinem sterbenden Vater in den USA auszusöhnen. Er kommt zu spät und beschließt – hier erst beginnt der eigentliche Film –, dessen Lebenswerk zu vollenden und jenen alten Nazi aufzuspüren, der den Vater einst in Auschwitz quälte.

So trügerisch ist der erste Eindruck, den „Cheyenne – This must be the place“ auf dem Filmplakat vermittelte, nicht. Dies ist die typische Amerika-Fantasie eines europäischen Autorenfilmers, ein Zutatenfilm, dessen Bestandteile aus dem popkulturellen Steckbaukasten stammen. Immer wieder fragt man sich beim Zusehen, wie um Himmels Willen ein Film daraus entstehen soll, noch dazu ein Road Movie, also eine Filmart, die von Überraschungen und Leichtigkeit lebt.

Tatsächlich ist es gerade die Unbeirrbarkeit des Regisseurs, an all diesen, für sich genommen liebenswerten Elementen festzuhalten, die seinen Film rettet. Was immer ihm einfällt – er spielt es aus. Stammt nicht der Filmtitel „This Must Be the Place“ von einem Song der Talking Heads? Dann muss deren Chef David Byrne eben auch auftreten und die Nummer spielen – als seien der erfundene und der echte Popstar alte Freunde. Die Kamera führt Luca Bigazzi, einer der besten Bildgestalter des italienischen Kinos; man hat nicht das Gefühl, dass er die Schauplätze von Michigan und New Mexico nach bestehenden Kinoklischees durchleuchtet. Nur behutsam beleuchtet er die Irrealität des Normalen, überhöht sie sanft und stellt nichts bloß.

Sorrentino, der derzeit spannendste Regisseur Italiens, projiziert die charmante Hemmungslosigkeit aus „Il Divo“ nun auf den amerikanischen Kulturkreis und zeigt die Provinz mit der Skepsis eines kritischen Touristen. Sean Penn dagegen gönnt seiner skurrilen Filmfigur bis zuletzt keinen Ausbruch aus der Rolle des zögerlichen Beobachters, denn die eigentliche Entwicklung seiner Filmfigur ist eine innere: die späte Beschäftigung mit dem Vater, der ein Tagebuch über die Geschichte seines Überlebens im Holocaust hinterlassen hat.

Am Ende hat man die Geschichte vom alternden Rockstar völlig vergessen. Und erliegt einer ebenso anrührenden wie verblüffenden Auseinandersetzung mit dem Thema Schuld und Sühne. Die erstaunliche Schlussszene plädiert für eine Aussöhnung in der Anerkennung des Erlittenen.

Cheyenne – This Must Be the Place I/F/IR 2011. Regie: Paolo Sorrentino, Darsteller: Sean Penn, Francis McDormand u.a.; 118 Min., Farbe. FSK ab 12.