Nein, die Geschichte hat kein Happy End. Vorerst. Edward Snowden wird von den USA immer noch als Staatsfeind gejagt. Dass er streng geheimes Regierungseigentum nicht nur gestohlen, sondern auch noch der Weltöffentlichkeit übergeben hat, ist und bleibt unverzeihlich.

Unverzeihlich vor allem deswegen, weil wir Dank seiner nun wissen, dass uns die Geheimdienste aller westlichen Länder unter der Führung der Vereinigten Staaten so anlass- wie lückenlos ausspionieren und damit die Grundwerte, die sie zu schützen vorgeben, Lügen strafen: Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Menschenwürde und Privatsphäre… Als Lügner verrufen zu sein, ist peinlich genug. Aber mit nicht widerlegbaren Beweisen als überführter Lügner dazustehen, kann einen richtig wütend machen.

Gutes Skandalmanagement

Edward Snowden musste also davon ausgehen, dass er sich mit seinem Geheimnisverrat mächtige Feinde machen würde. Dass er allerdings auch neue Freunde fand, ist die schöne Botschaft von Laura Poitras’ Dokumentarfilm „Citizenfour“. Die US-amerikanische Regisseurin erzählt die Geschichte des wohl bekanntesten und erfolgreichsten Whistleblowers aller Zeiten.

Sie zeigt ihn als Menschen, der zwar Außergewöhnliches gewagt hat und immer noch wagt, der mit seinen Enthüllungen über die US-amerikanische NSA nicht zuletzt sein Leben riskierte, alle Annehmlichkeiten einer arrivierten Existenz hinter sich ließ – und mit seinem hageren, jungenhaften, rotblonden Dreitagebartgesicht doch ein eher durchschnittlicher, allenfalls überdurchschnittlich höflicher und geduldiger Charakter ist.

Wir bekommen es also dankenswerterweise nicht mit dem neuen Jesus des digitalen Zeitalters zu tun, als der Snowden mit seinem längst ikonisch gewordenen Konterfei überall dort in Erscheinung tritt, wo es um die dunklen Machenschaften unserer Geheimdienste geht. Darin besteht die zweite Botschaft von Laura Poitras: Snowden ist keineswegs der geheimnisvolle Superheld aus einem klandestinen Paralleluniversum, mit dem wir eigentlich nichts zu tun haben, sondern in seiner Normalität einer wie du und ich. Wir sehen ihn warten, versonnen aus dem Fenster blicken, erschöpft auf dem Bett liegen, um seine Familie und vor allem seine Freundin bangen, die er bei seiner Flucht vor den Behörden zurücklassen musste – im Film übrigens die einzigen Momente, in denen er eine gewisse Angespanntheit zeigt.

Laura Poitras nimmt sich viel Zeit bei der Beobachtung ihres Protagonisten. Es geht ihr nicht darum, ihn als Quelle abzuschöpfen und daraus eine folgerichtige Aneinanderreihungen von „Enthüllungen“ zu stricken. Vielmehr erzählt sie ihre Geschichte als eine Verkettung von lauter Unwahrscheinlichkeiten. Allein schon die Kontaktaufnahme: Da meldet sich ein ominöser „Citizenfour“ per E-Mail und bietet unglaubliche Wahrheiten über unser aller Überwachung an – Poitras lässt sich darauf ein. Dann das erste Treffen in einem Hongkonger Hotel: Snowden versteckt sich unter einem Tuch bei der Passworteingabe an seinem Laptop, weil er Spähkameras an der Zimmerdecke befürchtet – Poitras und der mittlerweile dazugekommen Journalist Glenn Greenwald verziehen keine Miene und bleiben da.

Es wäre so leicht gewesen, Snowden für einen paranoiden Spinner zu halten. Stattdessen darf sich der Medien-unerfahrenen Geheimdienstler über die professionelle Begleitung seiner Mission freuen: Poitras und Greenwald produzieren Schlagzeilen; der NSA-Skandal ist in der Welt und zieht immer weitere Kreise. Snowden hat erreicht, was er wollte; die Journalisten haben die Story ihres Lebens. Und wir gewinnen Einblicke in ein überaus effizientes Skandalmanagement – man vertraut sich, man arbeitet zusammen und rockt erst die NSA, dann den britischen GCHQ und irgendwann auch den deutschen BND. „Citizenfour“ wäre auch ein guter Name für eine Band, deren Mitglieder auf allen Kanälen den maßgeblichen Soundtrack zum Lebensgefühl in total überwachten Zeiten liefern.

Heute, über ein Jahr nach dem Beginn der Enthüllungen, ist da immer noch nicht viel mehr als dieser Soundtrack. Die meisten Menschen kümmert die Überwachung nicht – Datensammelkonzerne wie Google, Amazon oder Facebook haben sie längst daran gewöhnt. Die Regisseurin Laura Poitras möchte auch keine unnötige Hoffnung verbreiten – und dennoch enthält ihr Film auch eine frohe, die dritte Botschaft: Snowden hat bislang nicht nur überlebt und musste sich nicht nur nicht einem unwürdigen Schauprozess in den USA unterwerfen, sondern er ist sich auch treu geblieben und hat dabei neue Freunde und viele Unterstützer gefunden. Und zum Schluss taucht Lindsay Mills im Moskauer Asyl auf – Snowdens Freundin lebt jetzt wieder bei ihm. Ein kleines Glück.

Ein „zweiter Snowden“

Doch ein Happy End ist das alles nicht. Poitras’ neue Regiearbeit „Citizenfour“ beschließt nach „My Country, My Country“ (2006) und „The Oath“ (2010) die Post-9-11-Trilogie der Amerikanerin: ihre filmische Beschäftigung mit den weltweiten Folgen der Terroranschläge vom 11. September 2001. Der „Krieg gegen der Terror“ aber geht weiter, heute führen ihn vor allem die Geheimdienste.

Die letzte Sequenz des Films zeigt Snowden und Greenwald in Moskau. Sie kommunizieren mit Notizzetteln, weil sie befürchten, abgehört zu werden. Greenwald deutet einen zweiten Enthüller an, Snowden zieht anerkennend die Augenbrauen hoch und spricht von einen „extrem mutigen Menschen“. Ein „zweiter Snowden“ ist unterwegs, so ist die Szene zu verstehen. Nehmt euch ein Beispiel an ihm – das ist die vierte Botschaft von Poitras.

Danach werden die Notizzettel zerrissenen, zurück bleibt ein Haufen Papier. Mehr Hoffnung ist da nicht, Laura Poitras verzichtet auf jede Emphase. Ihr Film ist leise, eindringlich. Und wie immer bleibt sie, die doch immerhin als Beteiligte eine wichtige Rolle im Snowden-Fall spielt, im Hintergrund. Poitras drängt sich als Person nicht auf, sie möchte ihre Protagonisten für ihr Anliegen sprechen lassen. Das macht „Citizenfour“ mit seinem so skandalösen Thema erstaunlich unaufgeregt. Und unbedingt sehenswert. Die Geschichte geht indes weiter: Gerade wurde die Enttarnung des „zweiten Snowden“ gemeldet.