Es wäre falsch, die zwölfjährige Josephine altklug zu nennen. Es hieße, sie zu unterschätzen. Die jüngste Enkeltochter des Mordopfers Aristide Leonides weiß über alles Bescheid, was im Haus vor sich geht. Sie verfügt über ein Wissen, das sich nur durch ausdauerndes Lauschen an Türen gewinnen lässt; auch ihr Fernglas setzt die Hobbydetektivin mit großem Spürsinn ein.

Die Insulinspritze des Großvaters, der einst mit leeren Taschen aus Griechenland einwanderte und es in der Restaurant- und Unterhaltungsbranche zum Multimillionär brachte, wurde mit Gift gefüllt. Der allgemeine Konsens im Haus lautet, seine zweite Frau sei die Schuldige, eine viel zu junge Tänzerin, die er im liederlichen Las Vegas aufgabelte.

Morde in vornehmer Gesellschaft

Aber Josephine weiß es besser. „Es gibt immer einen zweiten Mord“, belehrt sie den frisch gebackenen Privatdetektiv Charles (Max Irons), der auf Geheiß ihrer Halbschwester Sophia (Stefanie Martini) ermittelt. Diese prophetische Gabe könnte sie als aufmerksame Leserin von Kriminalromanen ausweisen. Auf jeden Fall passt die aufgeweckte Göre bestens in Agatha Christies erzählerischen Kosmos wohliger Gewissheiten. Deren erklärter Lieblingsroman „Das krumme Haus“ kommt nun endlich auf die große Leinwand.

Julian Fellowes, der schon mit seinem Drehbuch zu „Gosford Park“ bewiesen hat, wie sehr er sich auf Morde in vornehmer Gesellschaft versteht, hat die Vorlage espritvoll pragmatisch adaptiert, ein paar falsche Spuren getilgt und neue ausgelegt, vor allem aber die Handlung aus der Nachkriegszeit in die späten 50er-Jahre versetzt, als das britische Selbstbewusstsein diversen Erschütterungen ausgesetzt war, namentlich der Suez-Krise und dem Rock ’n’ Roll.

„Es ist ein Treibhaus verdrängter Leidenschaften!“

Es gibt einen geheimdienstlichen Nebenstrang; die Angst vor Kommunisten hält auch die entlegen ländliche Idylle im Klammergriff. Fellowes hat Charles ein schärferes Profil verliehen: Er ist nicht mehr der geduldige Verlobte Sophias, sondern ihr verschmähter Liebhaber, was ihn forscher und entschiedener auftreten lässt. Er ist immer noch nicht besonders helle, aber dies ist einer jener Christie-Stoffe, in dem die Verdächtigen charismatischer sein müssen als die Detektive. So bezieht sich das „crooked“ des Originaltitels weniger auf die Bauweise des stolzen Anwesens, als auf seine unehrlichen Bewohner. Hier leidet zwar niemand ernsthaft unter Geldnot, aber an Motiven mangelt es nicht.

Was führt etwa die Matriarchin Lady Edith (Glenn Close) im Schilde, die ihren Schwager insgeheim liebte und sich bei der Jagd auf Maulwürfe als Meisterschützin zeigt („Ich könnte sie auch vergiften, aber die Schrotflinte drückt meine Gefühle viel besser aus“). Oder die hinreißend untalentierte Schauspielerin Magda (Gillian Anderson), die mit Aristides zweitem Sohn (Julian Sands) verheiratet ist, der das Geld beim Glücksspiel verjubelt und Bücher schreibt, die niemand liest? Was stimmt nur nicht mit den Leuten hier, fragt der ratlose Charles und erhält von Lady Edith die sehr unbritische Antwort: „Es ist ein Treibhaus verdrängter Leidenschaften!“

Nichts zielt vorerst auf die Überwältigung des Zuschauers

Der Detektiv darf auch deshalb blass bleiben, weil das eigentliche Faszinosum das Prozedere der Ermittlungen ist. Sie vollziehen sich in gemächlicher Dringlichkeit. Die erste Verhörrunde soll noch keine Indizien herausbringen, sondern dient der Einschätzung der Verdächtigen. Das Drehbuch gestattet sich vergnügt Muße bei dieser Einkreisung: wohl wissend, dass Christie ihre Leser stets an behagliche menschliche Abgründe führt. Bei ihr werden Morde aus altmodischen Gründen wie Gier, Eifersucht oder verletzter Ehre begangen und nicht etwa so verfänglichen wie Kindesmissbrauch.

Gilles Paquet-Brenner, der sich seit „Sarahs Schlüssel“ für schillernde Kostümfilme empfiehlt, inszeniert dies mit agiler Nostalgie. Das prunkende Dekor des Landsitzes, wo jede Wohnung ein eigenes Reich ist und zugleich eine luxuriöse Gefängniszelle, bringt er in romantischem CinemaScope und einer treuherzigen Montage zur Geltung. Die Kamera vibriert sacht bei jedem neuen Vorstoß in das einschüchternd exklusive Ambiente. Nichts zielt vorerst auf die Überwältigung des Zuschauers. Das sparen sich Fellowes und Paquet-Brenner für das verblüffende Finale auf, einen verstörenden Schockmoment, auf den Christie besonders stolz war.

Das krumme Haus GB 2017. Regie und Co-Drehbuch (mit Julian Fellowes): Gilles Paquet-Brenner. Mit Max Irons. Glenn Close, Gillian Anderson u.a. Farbe, 115 Minuten, FSK: ab 12