Stellenweise geht es gar nicht anders und man muss „Das schönste Mädchen der Welt“ auf der Folie der letztes Jahr zum Abschluss gekommenen „Fack-Ju-Göhte“-Filmreihe sehen – man muss das vor allem immer dann, wenn sich dieser Film ins semiaggressiv-idiomatische Jugendvokabular und in dessen phonetische Sonderqualitäten reinsteigert („Ey, Pimmelnase!“ Bzw.: „Ö, Pimmlnasö!“). Die Fußstapfen, die sich dieser Film also selbst vor die eigene Nasö legt, sind entsprechend groß; nicht nur, weil die „Fack-Ju-Göhte“-Filme überdurchschnittlich gut an den Kinokassen bestellt wurden, sondern auch, weil deren anarchisch-zerfranste Struktur und hormonübersteuerten Energieüberschüsse wohl tatsächlich einiges über die Pubertät im Snapchat-Zeitalter zu erzählen wussten.

Nun kommt mit „Das schönste Mädchen der Welt“ ein Film in die Kinos, der das Schülermilieu ähnlich chaostruppenhaft und hopfenundmalzverloren denkt, wie Boran Dagtekin das in seiner Erfolgstrilogie um den supercoolen Lehrer Zeki Müller getan hat. Aron Lehmann setzt die Schwerpunkte in Sachen Pubertät allerdings etwas anders.

Balzen auf Klassenfahrt nach Berlin

Cyril (Aaron Hilmer) hat keinen Bock auf die Klassenfahrt nach Berlin. In der Schule wird er wegen der ins Auge springenden Größe seiner Nase gemobbt („Pimmelnasö“) – und das darf er nun Tag und Nacht ertragen. Die Neue mit dem sprechenden Namen Roxy (Luna Wedler) hat auch keinen Bock; sie ist gerade vom Internat in England geflogen und kann sich Besseres vorstellen als ein paar gebündelte Intensivtage mit unbekannten Frühreiflingen. Das Lehrerduo (Heike Makatsch und Johannes Allmayer) verzweifelt schon im Reisebus, und der Klassenverband grunzt kollektiv zu Witzen wie „Pergamon-Museum? Boa, geil, Pokémon-Museum!“. Auf die Roxy haben es bald alle Jungs abgesehen. Auch der mit Papis Kreditkarte wedelnde Aufreißer Benno (YouTuber Jonas Ems) und der gut aussehende, dafür gehirnlich etwas magere Rick (Damian Hardung).

Und weil auch Cyril das schönste Mädchen der Welt erkennt, wenn es vor ihm steht, er sich aber pimmelnasenbedingt schlechte Chancen ausrechnet, versucht er, das Balzspektakel, zu dem sich diese Berlinfahrt entwickelt, so gut es geht nach seinen Vorstellungen zu orchestrieren: Bevor der pupsgesichtige Benno das Rennen macht, denkt er sich, soll lieber Rick die Roxy kriegen, und so greift er dem flirttalentlosen Kameraden liebesliedtextend unter die Arme. Man kann sich vorstellen, wozu das führt: Verwirrungen, Verwechslungen, Verschwörungen, Verkennungen.

Lehmann geht es – da trifft sich seine Agenda mit der der „Fack-Ju-Göhte“-Filme – um maßlos übersteuerte, dennoch aber fest auf dem Boden heutiger Teenager-Kultur (Musik, Kleidung, Idiome) verzurrte Milieustereotypen: der reiche Schnösel, die schöne Unbekannte, die Selfie-Stick-Klassenzicke usw. Solche Grobskizzierungen haben durchaus ihr Recht, sind sie doch Widerstandsgebärden gegen die Anstandsmoral der Didaktik. Ein Jugendkino ohne viel Erziehung und Aufklärung – das ist zunächst sympathisch, weil die Figuren dadurch ihre eigene Sprache sprechen, aus ihrer eigenen Sprache geboren werden.

„Das schönste Mädchen der Welt“ steht lange Zeit auf Seite seiner Protagonisten; ein Kino, das sämtlichen pubertären Gefühlsüberschüssen Raum und Recht einräumt: Sei es das Begehren, die Aggression, die Trauer oder der Liebeskummer. Am schönsten kommt das in den Rap-Duellen zur Geltung, bei denen es darum geht, das hiphoppende Gegenüber mit allen Mitteln der Assi-Poetik zu beschimpfen: „Du bist wie schimmliges Gemüse“ etc. Unter Jubel triumphiert am Ende der, dem es gelingt, den Gegner derart auszuschimpfen, dass dieser sprach- und würdelos die Bühne verlassen muss.

Die Mutter hat recht

Schade ist nur – und in dieser Hinsicht operierten die Fack-Ju-Göhte-Filme doch eine Spur radikaler –, dass Lehmann diesen antididaktischen Eskapaden doch nicht die letzte Konsequenz schenkt. Nicht, dass es grundsätzlich ein Problem wäre, den ganzen Wahnsinn, der in diesem Film stattfindet, am Ende in eine alles korrigierende moralische Schlusspointe einmünden zu lassen – im Gegenteil, es gelingt diesem Film streckenweise sehr gut, seine Antimobbing-Agenda locker herauszuarbeiten. Nur gibt es zum Schluss eine Art Regimewechsel in punkto Moral.

Dann ist es nicht mehr die Jugend, die ihre Entgleisungen pflegt, ihre Erfahrungen macht und ihre Erkenntnisse gewinnt, die unter sich ausmacht, was es auszumachen gilt, da ist es Cyrils Mutter (prominent gespielt von Anke Engelke), die Erwachsene also, der die weisesten Worte des Films gehören. Und so sehr man nicht darüber diskutieren muss, dass Mütter fraglos die intelligentesten Wesen der Welt sind, so sehr ist es auch bedauerlich, dass dieser Film von hinten her gesehen dann doch immer schon älter und gescheiter war als sein pubertierendes Personal.

Das schönste Mädchen der Welt D 2018, Regie: Aron Lehmann, Drehbuch: Lars Kraume, Aron Lehmann, Darsteller: Aaron Hilmer, Luna Wedler, Anke Engelke, Heike Makatsch u.a.; 102 Min. FSK: 12