Fast küssen, fest schlagen: Willem Dafoe (l.) als Thomas Wake und Robert Pattinson als Ephraim Winslow 
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BerlinEine einäugige Möwe ist der einzige Besucher, den die Leuchtturmwärter Thomas Wake (Willem Dafoe) und Ephraim Winslow (Robert Pattinson) zu Gesicht bekommen werden. Auf der namenlosen felsigen Insel sind sie nur mit den Naturgewalten und sich selbst konfrontiert. Ein klassisches Horrorfilm-Szenario, das sich besonders in Independent-Produktionen großer Beliebtheit erfreut. Gefeierte Filme wie „Midsommar“, „It Comes at Night“, „Green Room“ und Robert Eggers’ Spielfilmdebüt „The Witch“ finden den Schrecken in der Zurückgezogenheit.

War es in Eggers beeindruckendem Erstling noch eine Puritaner-Familie, die sich in der selbst gewählten Einsamkeit mit einem okkulten Grauen konfrontiert sah, entfernen sich die Protagonisten seines zweiten Films noch weiter von den Schutzräumen der Zivilisation.

Den alten Volksglauben um Dämonen und Hexen aus „The Witch“ setzt der Regisseur als Amalgam aus Seemannsgarn und Prometheussage fort. Den abgelegenen Hof ersetzt ein Leuchtturm. Ein Monolith der Isolation und damit der perfekte Ort, um verrückt zu werden. Eben das beschreibt im Grunde die gesamte Handlung des Films: Zwei Männer verlieren in der Abgeschiedenheit den Verstand.

Für zwei Wochen sollen sie den Leuchtturm beziehen. Wake wird das Licht und damit die einzige Verbindung zur Außenwelt hüten, Winslow wird die Böden schrubben, das Trinkwasser der Zisterne austauschen und das Öl, das das Leuchtfeuer nährt, die Wendeltreppe hinauftragen.

Pfeife und Schiffermütze

Die historischen Details trägt der Film dabei ebenso mit Stolz vor sich her wie die unzähligen aus Mythen, Sagen und Seefahrergeschichten entlehnten Motive. Peacoat, Pfeife, und Schiffermütze sitzen so perfekt wie jedes Wort der biblisch-nautischen Sprache, die direkt von Herman Melville zu stammen scheint und Eggers sowohl der historischen Verortung als auch der Verfremdung dient. Wenn Willem Dafoe als Wake mit seinem Reibeisen-Bariton in einer Mischung aus Lyrik, Vulgarität und Essensresten Kommandos ausspuckt, gerät das fragile Miteinander, das ohnehin nur in einer klaren zeitlichen Begrenzung denkbar scheint, jedes Mal erneut ins Wanken.

Und tatsächlich erreicht nach Ablauf der geplanten Dienstzeit statt des Schiffs, das die Ablösung bringen soll, nur der Wahnsinn die Insel. Trotz der spürbaren Feindseligkeit, die jederzeit droht, das auf einer brüchigen Hierarchie basierende Verhältnis beider Männer in Mord und Totschlag zu eskalieren, schafft es der Film, den Wahnsinn fast unbemerkt einzuschleichen. Denn nicht die Diskrepanz zwischen Kommandierendem und Kommandiertem löst letztlich den Wahnsinn aus, sondern die Zeit, auf die plötzlich kein Verlass mehr ist, die plötzlich keine Sicherheit mehr gibt.

Der Wahnsinn zieht die Schrauben an

Wie lange warten beide schon auf besagtes Schiff? Das wievielte Mal streiten sie schon über Kleinigkeiten? Wird überhaupt jemals ein Schiff kommen, um sie zu holen? Mit der Ungewissheit macht sich ein Leuchtturmkoller breit: Eine kleine Meinungsverschiedenheit reicht, damit der Zorn Neptuns in einer vor Pathos explodierenden Wutrede beschworen wird. Statt Schnaps saufen beide nun Lampenöl und der Tanz zu einem Shanty endet fast in einem Kuss, dann aber doch in einer Schlägerei.

Mit dem Eintritt des Wahnsinns zieht Eggers die Schrauben an – nicht über wenige Minuten eines großen Finales, sondern über mehr als die Hälfte der Laufzeit des Films. Stetig, unumgänglich und doch nie vorhersehbar steigern sich die Exzesse der Männer, mischen sich die Albtraumbilder aus Seemannsgeschichten und Mythen und werden mit dem perfekt getakteten, unaufhörlichen Dröhnen des Nebelshorns bis zur Unerträglichkeit gesteigert.

Möwenfutter

Die Kontrolle, die Eggers und der Kameramann Jarin Blaschke über jeden Frame des fast quadratischen Schwarz-Weiß-Bildes ausüben, ist auch in ihrer zweiten Zusammenarbeit zweifelsohne beeindruckend. Leider kommt die zunehmend symbolische Überhöhung, mit der die groteske Schönheit des Deliriums präsentiert wird, nicht über eine unmittelbare, immer im Moment verhaftete Wirkung hinaus. Der Fiebertraum, in dem sich Leuchtfeuerwärter zu Titanen erheben, um das Licht in die Welt zu bringen, kann in seiner Flüchtigkeit den Eindruck der Nummernrevue nie ganz ablegen.

Vielleicht ist gerade die Prometheussage, die Eggers als wichtigstes Leitmotiv dient, auch am ehesten geeignet, um den Mangel seines Films zu verdeutlichen. Erzählen die antiken Epen noch von einem Titanen, der sich opfert, um der Menschheit das Feuer zu bringen, bleibt in Eggers’ Film nur noch das Bild einer einäugigen Möwe, die die Eingeweide eines Mannes verschlingt.

Der Leuchtturm USA, Kanada 2019. Regie: Robert Eggers; Buch: Eggers, Max Eggers; Darsteller: Willem Dafoe, Robert Pattinson, Valeriia Karaman u.a., 109 Min. Schwarz-Weiß. FSK: 16 Weitere