Was würde Freud sagen? Die Frage stellt sich der moderne Mensch mehrmals am Tag, wenn auch meist unbewusst. Für Schriftsteller gehört die Beschäftigung mit dem Psychologischen gewissermaßen zum Geschäft, aber nur Robert Seethaler war bisher so kühn, das Gedankenspiel zu Literatur zu machen.

In „Der Trafikant“, seinem 2013 erschienenen Roman, befragt der junge Franz den schon sehr alten Erfinder der Psychoanalyse zu allen Dingen des Lebens. Am wichtigsten ist ihm das mit den Frauen, wozu Freud aber auch nicht viel weiß. „An den Klippen zum Weiblichen zerschellen die Besten von uns“ – das ist so einer dieser Sätze, die man mitnimmt.

Dass alle Erkenntnis auf tönernen Füßen steht, muss Franz aber auch im Weiteren erfahren. Im Wien des Jahres 1938 kommen die Nazis an die Macht, Freud ist schon halb auf dem Weg ins Exil, und die kleine Trafik, wo der Provinzbursche Franz auf Weisung der Mutter eine Art Praktikum absolviert, steht plötzlich im Brennpunkt des Geschehens.

Robert Seethalers Bestseller

Warum so ein Buch verfilmt werden muss, gerade jetzt, weiß man auch ohne Freud. Was eine Trafik ist, kann einem auch jeder andere Österreicher erklären: ein besserer Kiosk, wo vor allem Zeitungen und Tabakwaren verkauft werden. Ein Trafikant handelt mit Genuss, Lust und manchmal auch Laster, erklärt der Trafikant Otto Trsnjek im Buch wie nun auch im Film.

Mit letzterem meint er die „zärtlichen Magazine“ unter der Ladentheke. Womit wir doch wieder bei Freud wären, der hier aber nur Zigarren kauft, sowie natürlich die Neue Freie Presse, eines der letzten liberalen Blätter der Stadt. Nicht alle sehen das gern. Denn Freud, manchmal auch „der Deppendoktor“ genannt, ist Jude, nach Meinung vieler dürfte er hier gar nicht mehr verkehren. Den knarzigen Trafikanten und Kriegsversehrten Otto Trsnjek schert das nicht, und so nimmt das Unheil seinen Lauf.

Vielleicht könnte Freud wenigstens bei der Frage helfen, warum literarische Bilder und Film sich oft so schlecht vertragen. Nikolaus Leytners Adaption von „Der Trafikant“ ist nämlich arg brav geraten. Dabei fehlt überhaupt nichts. Franz (Simon Morzé), der Unschuldsbub aus dem Salzkammergut, lernt beim Trafikanten das Lesen und Denken.

Freud in der Gestalt von Bruno Ganz

Bei Anezka (Emma Drogunova), dem böhmischen Mädel mit dem scheenen Akzent, findet er sexuelle Erfüllung, verzweifelt aber an ihrem flatterhaften Wesen. Freud gibt Ratschläge. Doch all das passiert in einem Studio-Wien, das man nicht glaubt, und auch Freud in der Gestalt von Bruno Ganz erscheint ein bisschen zu gemütlich.

Mit dicker Brille und weißem Bart ist er fein hergerichtet, doch den ganz großen Denker nimmt man ihm nicht ab, nicht einmal im Ruhestand. Vielleicht hat man den Schweizer Schauspieler – der Akzent schlägt leicht durch – auch zu selten mit Zigarre gesehen.

Wie gesagt, im Buch ist das nicht viel anders. Gespräche mit Freud – das ist natürlich ein Witz, klingt nach einer Kurzgeschichte von Woody Allen („Ohne Leid kein Freud“). Auch Seethalers Bilder sind plakativ, die Nebenfiguren mehr oder weniger Staffage. Was sie so originell und das Buch zum weithin beliebten Bestseller machte, war Franz’ Verhältnis zu ihnen.

Seine Mischung aus naiver Neugier, poetischem Weltverständnis und unverbildetem Anstand war der wehmütige Kontrast zur bösen Zeit. So etwas lässt sich, zugestanden, kaum reproduzieren. Die denkbar schlechteste Lösung aber ist Leytners Idee, neben allem anderen auch Franz’ Träume zu „visualisieren“. Freud rät ihm, sie aufzuschreiben, doch in den kräftig computerisierten Fantasy-Sequenzen kommt wenig rum.

Abgefilmte Postkarten

Genauso ergeht es den abgefilmten Postkarten von der Mutter daheim. Aus dem Herzstück des Romans wird ein kruder Versatz. Manche Dinge sind zwischen zwei Buchdeckeln doch gut aufgehoben. Es fehlt die eigene Sprache.

Nun gut, würde Freud sagen, da war doch eher die Libido triebbildend als die Liebe zum Stoff. Was bleibt, ist eine immer noch starke Geschichte über den gar nicht so plötzlichen Einbruch des Undenkbaren in eine vermeintlich halbe Welt. Wie fühlt sich das an, wenn eine bisher ungekannte Macht übernimmt und alles Recht mit Füßen tritt?

Wenn stiller Widerstand verliert gegen Brutalität und Mitläufertum? Dazu gibt es nun immerhin diesen Film, der für den sogenannten Anschluss Österreichs im Jahr 1938 doch noch recht prägnante Bilder findet.

Der Trafikant, Österreich/Deutschland 2018. Regie: Nikolaus Leytner, Drehbuch: Klaus Richter, Nikolaus Leytner, Darsteller: Simon Morzé, Bruno Ganz, Johannes Krisch, Emma Drogunova u. a.; 113 Min., Farbe. FSJ ab 12.