Liebe überwindet alle Grenzen. So einfach ließe sich Pawel Pawlikowskis neuer Film zusammenfassen, wenn nicht alles ganz anders wäre, viel komplizierter. Zula und Wiktor, seine unglücklich Liebenden, nutzen den Eisernen Vorhang als erotische Drehtür. Im Nachkriegspolen lernen sie sich kennen und verbringen doch nie viel Zeit miteinander. In Ostberlin, Paris und Jugoslawien lieben sie sich, nur um sich wieder zu trennen.

Man sollte meinen, Kommunismus und Kalter Krieg stünden ihrer Liebe im Weg. Aber eigentlich ist es andersherum. Ohne die ständige Überwindung der Grenzen, den ewigen Krieg, wirkte diese Beziehung unhaltbar. Nostalgie, diese ständige Jagd nach einem zurückliegenden Moment, ist ein Thema. Die Liebe zur Heimat, die so stark und so schwierig sein kann wie die zu einem Menschen, wird wehmütig besungen. Und das alles erscheint gar nicht so verwunderlich bei einem polnischen Regisseur, der vor Jahrzehnten nach Großbritannien emigrierte und dort seine Karriere begann. Seit 2013 lebt Pawlikowski wieder in Warschau.

Wie den mehrfach ausgezeichneten „Ida“, in dem eine katholische Nonne ihre jüdischen Wurzeln entdeckt, hat er auch „Cold War“ in Schwarzweiß gedreht. Wieder spiegelt sich darin die familiäre Geschichte. Zula und Wiktor, so hießen auch seine Eltern, finden sich in der polnischen Provinz. Als eine Art Musikethnograph reist er mit einem kleinen Team über Land, im staatlichen Auftrag, um die Stimme des Volkes einzufangen. Eine Tanz- und Gesangstruppe soll aufgebaut, die Identität des jungen Staats gefestigt und zur Not rekonstruiert werden. 

Wiktor, der urbane Jazz-Pianist, agiert entsprechend lustlos. Aber Zula, das ein bisschen vulgäre Landmädchen, wirft ihn um. Vielleicht weil das Lied, das sie vorsingt, gar nicht das gewünschte Volkslied ist. Sie hat es aus dem Kino, aus einem sowjetischen Film. Sie macht eigentlich immer, was sie will.

Freiheit und Anpassung

Als über der zur „Musikschule“ umfunktionierten Ruine ein Transparent aufgehängt werden soll („Wir begrüßen das Morgen“), fällt der Arbeiter von der Leiter und nimmt den Spruch mit. „Cold War“ ist keine Satire wie Miloš Formans berühmter „Feuerwehrball“, wo es eine ähnliche Szene gab. Aber Pawlikowski macht es wie die alte Schule, er erzählt über Bilder: von Freiheit und Kompromissen, Anpassung und Flucht, Liebe und Verlust. Und über die Musik, die alles zusammenhält.

Was Wiktor und Zula fühlen, spüren wir, wenn sie singt und tanzt, mit ihm am Klavier. Wenn sie mit dem Trachtenchor auf der Bühne steht, sitzt er im Publikum und staunt, ganz egal ob volkstümliches Herzeleid gegeben wird oder, wie später, Oden auf Stalin und die Landreform. Dass der vorgebliche Kitsch jederzeit die Handlung reflektiert, ist in einem Liebesfilm – und nichts anderes ist „Cold War“, ganz entschieden – gar nicht so bemerkenswert. Aber die Bilder, makellos komponiert im altmodischen, fast quadratischen Academy-Format, betören alle Sinne. Nach der katholischen Strenge von „Ida“ wählt Pawlikowski einen weicheren, freieren Zugang, der zur Geschichte passt. Alles atmet Nouvelle vague, nicht zuletzt in jener unglaublichen Szene am Flussufer, nachdem Zula ihrem Liebhaber verraten hat, dass sie ihn bespitzelt. Sie springt ins Wasser und lässt sich durchs Schilf davontreiben, singend. Wer könnte da noch böse sein.

Ein nachgeholter Film

Wenn es die Liebenden durch halb Europa treibt – Wiktor hält es im Kommunismus nicht aus und setzt sich in Ostberlin ab, sie bleibt zunächst –, verfolgen wir keine Entwicklung. Zula passt sich an. In Paris ist sie französischer als die Französinnen, eine promiske Chanteuse, die auf den Tischen tanzt. Wiktor bleibt unglücklich, wo immer er ist. In keinem System passen sie zusammen, jedes treibt sie auseinander. Doch wann immer sie sich treffen, ist es wie beim ersten Mal. Was in Warschau, Paris oder Split passiert ist, ist dann völlig egal. Und darum ist es zwar leicht, dieser verlorenen Elegie das Nostalgiemäntelchen umhängen.

Wieder ist es ein „nachgeholter“ Film – der Traum von einem Film, den man damals nicht drehen durfte. Aber nur schwer wird man im zeitgenössischen Kino einen Film finden, der so im Moment lebt, sich derart gegenwärtig anfühlt. Unmöglich, sich in Zula und Wiktor und ihre wunderbaren Darsteller, Joanna Kulig und Tomasz Kot, nicht zu verlieben, von Szene zu Szene. Wenn es stimmt, dass ihre Geschichte auf der seiner Eltern basiert, und sei es in groben Zügen, hatte Pawel Pawlikowski eine aufregende Kindheit.

Cold War – Der Breitengrad der Liebe Frankreich, Großbritannien, Polen 2018. Buch und Regie: Pawel Pawlikowski, Darsteller: Joanna Kulig, Tomasz Kot, Borys Szyc, Agata Kulesza u.a., 89 Min., Schwarz-weiß. FSK: ab 12 Jahren.