Den Affen auf dem Felsen von Gibraltar ist das Massensterben im Meer egal. Mit der würdevollen Arroganz heimlicher Herrscher bewegen sie sich in der frühen Morgenstunde durch die fast noch schlafende Stadt, klettern gelassen und gemächlich an Hausmauern entlang, überwinden Absperrgitter, hangeln sich von Balkon zu Gesims und kennen keine Hindernisse in ihrer von Menschen verbauten Welt, in der sie leben. Darüber das entschiedene Blau eines hohen Himmels, an dem die frische Sonne steht, die das Meer zum Glitzern bringt, die endlose Weite der See, die nicht mehr grenzenlos ist und noch viel gnadenloser geworden. Welten, die nichts voneinander wissen.

Von der Not und von der Verantwortung

„Styx“ von Wolfgang Fischer handelt sehr konkret von etwas Abstraktem: Von der Not und von der Verantwortung, vom Versagen und vom Mitgefühl, von der Angst, aus der Verzweiflung wird, von der Ohnmacht. Auch davon, wie die Erfahrung dieser Ohnmacht einen Menschen zeichnen kann. In „Styx“ kollidiert eine mitfühlende, hilfsbereite Seele mit einem umfassenderen Verhängnis und nimmt Schaden – nimmt Schaden an der strukturellen Gewalt in dieser Situation. Während eines Segeltörns trifft die Notärztin Rike auf ein Flüchtlingsboot.

Der Film löst dieses sehr konkrete Geschehen in quasi abstrakte Bildmuster auf und übersetzt die Begegnung der Frau mit dem Boot in Blicke, Gesten, Handlungen von existenzieller Natur und Dringlichkeit. Weil es in jeder einzelnen Sekunde um nicht weniger geht als um das nackte Überleben: Da ist das Wasser und das Wetter, da sind die beiden Boote – und die Frau und der Junge, der sich zu ihr gerettet hat.

Zivilisationsbruch auf dem Meer

Das ist die Kernkonstellation, in die die Außenwelt nur dringt in Form von Funksprüchen, die abwiegeln, verzögern, ihre Nichtzuständigkeit erklären oder ihr Unvermögen. Und die Frage muss gestellt werden, ob der Umstand, dass Menschen nicht mehr aus Seenot gerettet werden, nicht einen Zivilisationsbruch darstellt?

Dabei hatte es eigentlich ein Urlaub werden sollen. Kurz und prägnant wird uns zu Beginn des Films seine Protagonistin Rike bei ihrer Arbeit als Notärztin in Köln vorgestellt. Wir sehen, wie sie die Lage unter Kontrolle hat und routiniert und souverän Leben rettet. Und dann ist sie auch schon auf Gibraltar und belädt die Asa Grey, eine elf Meter lange Jacht, mit der sie ihren Einhandsegeltörn unternehmen wird. Allein nämlich macht sie sich auf den Tausende Seemeilen langen Weg nach Ascension Island, eine im Südatlantik zwischen Afrika und Südamerika gelegene Vulkaninsel. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das karge Eiland von Charles Darwin und Joseph Dalton Hooker bepflanzt und stellt sozusagen das erste gelungene Terraforming-Experiment dar.

Fortan geht es um Leben und Tod

Es ist also ein menschengemachtes Paradies, das Rike ansteuert, doch dann funkt die menschengemachte Hölle dazwischen und wird Rike der Ozean, auf dem sie segelt, zum Styx, „Wasser des Grauens“, das den Hades, die Unterwelt, umfließt. Denn am klargewaschenen Morgen nach einem Sturm findet sich Rike mit der Asa Grey in der Nähe eines überladenen, havarierten Fischkutters wieder, auf dem die Elenden Afrikas in entgegengesetzter Richtung den Weg ins Paradies Europa suchen. Auch jetzt verliert Rike nicht den Kopf, sie setzt die Routinen der Rettung in Gang, vielmehr, sie versucht es, denn die Routinen versagen, sie gelten nicht für alle.

Fortan geht es um Leben oder Tod, es geht ums physische Überleben für jene auf dem leckgeschlagenen rostigen Schiff und ums moralisch-ethische für Rike auf ihrem höchst eleganten und komplett ausgestatteten Segler. Das Dilemma, mit dem sich Rike konfrontiert sieht, geninnt bereits damit, dass die Ärztin/Seglerin Abstand halten muss, weil ihr Boot zu klein ist, die Schiffbrüchigen alle aufzunehmen. Und es wird keineswegs geringer, als sie einen Jungen vor dem Ertrinken rettet, Kingsley, der in seiner Todesverzweiflung den Sprung ins Wasser wagte.

Auf offenem Meer unter realen Bedingungen gedreht

Gemeinsam sind sie nun dazu verurteilt abzuwarten und zu beobachten. Und es ist das Verdienst von Fischers Film, zu verdeutlichen, welchen nicht wieder gut zu machenden Schaden diese von äußeren Mächten aufgezwungene Grausamkeit des Geschehenlassenmüssens in den beiden Menschen anrichtet.
Mit Susanne Wolff in der Rolle der Rike trägt freilich eine Schauspielerin diesen Film, die keine Worte braucht, um die Aufmerksamkeit eines Publikums aufs Höchste gespannt zu halten, zudem kann sie als Hochseeseglerin mit internationalem Segelschein auf ureigenste Bewegungsmuster zurückgreifen.

An Wolffs Seite gibt Gedion Oduor Wekesa, der in Kibera, einem Slum in Nairobi, aufgewachsen ist, als Kingsley sein überzeugendes Schauspieldebüt. Mit Ausnahme der Sturmszene wurde „Styx“ auf offenem Meer unter realen Bedingungen gedreht, Ton und Geräusche sind original, die Takes sind lang und geduldig, beteiligte Laiendarsteller und hinzugezogene Berater brachten ihre Erfahrungen aus der Seenotrettung und Flüchtlingshilfe mit und ein. Entstanden ist auf diese Weise nicht nur ein unheimlich authentischer Film, sondern auch ein tief aufrichtiger. Es findet sich in „Styx“ kein falscher Ton und keine tröstende Lüge. Ein Film wie ein Hammerschlag. Kein Hilferuf, ein Aufschrei.

Styx, Deutschland 2018. Regie: Wolfgang Fischer, Drehbuch: Wolfgang Fischer, Ika Künzel, Kamera: Benedict Neuenfels, Musik: Dirk von Lotzow, Darsteller: Susanne Wolff, Gedion Oduor Wekesa u.a., 94 Minuten, Farbe.