Film „Deutschboden“: Moritz von Uslar spielt sich selbst

Und als ich an die Grenze kam, da fühlt ich ein stärkeres Klopfen in meiner Brust, ich glaube sogar, die Augen begannen zu tropfen“, schrieb Heinrich Heine in „Deutschland. Ein Wintermärchen“, als er nach dreizehn Jahren Exil wieder nach Deutschland kam. „Pippi in den Augen“ habe er gehabt bei der Jugendweihe seiner Tochter, erzählt der tätowierte, kahl rasierte Hüne in dem Dokumentarfilm „Deutschboden“, während er sich im „Haar Studio“ die Augenbrauen trimmen lässt.

Sonderlich sentimental war dem Journalisten und Schriftsteller Moritz von Uslar offenkundig nicht zumute, als er sich 2009 für drei Monate nach „Hardrockhausen“ begab – auf der Suche nach „des Prolls reiner Seele“, der „Wurzel der Gegenwart“. Auch auf rechte Gesinnung würde er, so fürchtete Uslar, treffen. Als er dann zurückgegangen ist nach Berlin, weg von „seinen Jungs“, lagen die Dinge schon etwas anders.

Aus Uslars Aufenthalt in der brandenburgischen Kleinstadt Zehdenick ist sein von der Kritik viel gelobtes Buch „Deutschboden – Eine teilnehmende Beobachtung“ geworden. Der Kölner Regisseur André Schäfer hat es nun verfilmt; am Mittwoch feierte die Produktion Premiere auf dem Filmfest München. „Deutschboden“ ist eine Literaturverfilmung der anderen Art: Zu unveränderten Textstellen aus Uslars Buch, die dieser auch selbst spricht, findet und inszeniert Schäfer Bilder in Zehdenick – wesentlich mit den Menschen, den Männern, den „Hartz-Vierlern“, um die es im Buch geht. Die Mitglieder der Band 5 Teeth Less spielen die Hauptrolle, sie sind Uslars „Jungs“. Auch Heiko Schröder ist zu sehen, der Wirtssohn, der die erste Kneipe am Ort mit betreibt und der Uslar zu dem Satz verleiten konnte: „Deutschland ist ein feiner Kerl“.

Irritation wird zum Stilmittel

Heiko Schröder heißt auch im Buch so, andere Namen und Ortsnamen hatte Uslar allerdings verändert. So ist Zehdenick im Buch die Stadt Oberhavel. Uslar beschreibt sehr genau: den Rauputz an den Häusern, den Kratzputz, die Farbe der Funktionskleidung der Radtouristen, und auch die divergiert dann natürlich im Film. Die Irritation wird zum Stilmittel, Literatur und re-inszenierte Realität klaffen auseinander; so etwas wie die Brüchigkeit der Erinnerung scheint durch.

In einem Interview erzählt der Regisseur, dass der Kameramann Andy Lehmann zunächst „ganz enttäuscht“ gewesen sei: „Weil alles so viel malerischer war, als wir uns das vorgestellt hatten.“ Es wirkt dann im Film bisweilen so, als hätten sich der Regisseur und sein Kameramann gezielt auf die Suche gemacht nach der im Buch beschriebenen Hässlichkeit, nach dem „Grau, dem Scheiß-Grau“ der Fassaden. Dagegen setzt Schäfer gerade zu Beginn aber immer wieder Bilder von berückender landschaftlicher Schönheit. Der Bruch ist Prinzip, er steht dem Film gut.

Der Schriftsteller Moritz von Uslar, der sich im Buch häufig „der Reporter“ nennt, spielt sich in „Deutschboden“ selbst. Die gelegentlich doch recht Testosteron-gespeiste Sprache im Verbund mit Szenen, in denen der Reporter breitbeinig das Kopfsteinpflaster abschreitet, als handele es sich um seine Ländereien, atmet die Arroganz des Großstädters, der auf seine provinziellen „Studienobjekte“ (so Uslar bei der Premiere) herab blickt. Dies gilt allerdings im Wesentlichen für die Szenen, in denen Uslar allein zu sehen ist. Die Wiederbegegnungen mit seinen Protagonisten, selbstverständlich von diversen Männlichkeitsritualen begleitet, verlaufen entspannter.

Zur Premiere stehen die anwesenden Zehdenicker mit dem abgeschraubten Schild auf der Bühne, das den Weg zum ominösen Ort Deutschboden mitten im Brandenburgischen weist. An dieser Stelle haben sie immer gehupt, auf dem Weg zu nächtlichen Bier-Partys an der Aral-Tanke. Sie hupen da immer noch, erzählen sie, „jetzt eben ohne Schild“.