Wenn man sich das Leinwand-Abenteuer „Doctor Strange“ anschaut, wird man sich fragen, welche Rolle darin eigentlich Doctor Christine Palmer (Rachel McAdams) spielt. Sie ist Ärztin im selben Krankenhaus wie der filmtitelgebende Doctor Stephen Strange (Benedict Cumberbatch). Früher gab es anscheinend mal erotischen Kontakt zwischen den beiden Medizinern. Und wenn man es genau nimmt, dann ist Dr. Palmer kaum mehr als eine Handlangerin im OP-Saal – und damit eine der überflüssigsten Kino-Nebenfiguren aller Zeiten.

Dieser Eindruck ist aber nicht unbedingt richtig, denn aus einer bestimmten Perspektive auf diesen neuen Superheldenfilm aus dem Hause Marvel erscheint gerade Christine Palmer als heimliche Heldin. Ihre Aufgabe ist es, genervt mit den Augen zu rollen, wenn Doctor Strange mit seinem seltsamen Flatterumhang und seinen magischen Fähigkeiten vor ihr steht und wenn sich Geister um sie herum prügeln, die sie zwar nicht sehen kann, von denen sie aber trotzdem irgendwie Notiz nimmt.

Der Witz an Paralleluniversen – und um die geht es hier – ist ja, dass das eine Universum mit dem anderen keine Schnittmenge bildet. Sie berühren einander nicht – sonst wären sie nicht parallel. Nun berühren sie sich im Film freilich trotzdem, sonst gäbe es ja keine Gefahr und entsprechend keinen Auftrag zur Rettung der Welt. Dass hier ein gewaltiger Widerspruch wirkt, weiß dieser Film – genau deshalb schickt er Palmer ins Feld. Sie rollt den Widerspruch ganz einfach beiseite, mit den Augen.

Alternative Medizin

Doch worum geht es? Nach einem Autounfall kann der Topchirurg Strange seine Finger nicht mehr bewegen und entsprechend seinen Beruf nicht mehr ausüben. In Kathmandu hofft der inzwischen depressive Mann auf Heilung durch alternative Medizin. Lange will er indes nicht begreifen, dass ihn die entsprechende Fachkraft The Ancient One (Tilda Swinton) zum Zauberer ausbildet und ihm angesichts der Bösewichte, die es immer unter Zauberern gibt, einige Verantwortung aufhalst. Eine dunkle Macht bedroht den Globus – um den Ort zu bestimmen, von dem sie ausgeht, müsste man selbst die Metaphysik noch ins Quadrat nehmen.

Die Wirklichkeit besteht nämlich aus unzähligen raum-zeitlichen Schichten. Selbst das Universum ist nur eine Hilfskonstruktion des Menschen. Multiversum heißt das, womit wir es hier zu tun haben. Mit zwei Fingern können Zauberer einen Feuerkringel in den Raum bohren, der einen flugs an einen anderen Ort bugsiert. Überhaupt lassen sich eine ganze Menge toller Sachen mit den Händen anstellen, ohne dass man dazu etwas berühren müsste. Beispielsweise kann man mit ein paar Fingerübungen die Zeit zurückdrehen, Hausfassaden umklappen, Hochhäuser bersten lassen, Waffen basteln.

Man kennt solche Bilder bereits aus Christopher Nolans „Inception“. Das macht aber nichts: Es sieht dennoch schön aus, wenn sich eine ganze Stadt ineinanderfaltet. Das Attraktionsprinzip des Films lautet: Schabernack mit der Ontologie, Origami mit dem Erdball. Dass man dies alles schon gesehen hat, ist klar. Superhelden sind eben nicht unbedingt originell. Sie sind in erste Linie stark – hoffentlich stärker als die Schurken. Nichtsdestotrotz geht es unterhalb der Oberflächen von „Doctor Strange“, so sehr die auch nach bekannten Mustern ineinander verschachtelt und auseinander geklappt werden, um etwas Anderes.

Zwei Sehnsüchte beleben diesen Film und mit ihm das Uni-, pardon: Multiversum, das er ausbildet. Die eine bestimmt den Auftrag des Helden: Die Welt davor zu bewahren, um- und eingeklappt zu werden; also dafür zu sorgen, dass alles so bleibt, wie es ist. Die andere Sehnsucht ist die nach Mystik und Metaphysik, nach anderen Prinzipien, die Welt zu entwerfen – nach Entwürfen, die in ein Jenseits der Erfahrung führen können.

„Doctor Strange“ ist unfassbar kompliziert

„Doctor Strange“ setzt beide Sehnsüchte ins Recht. Mit ihnen verhält es sich wie mit den Paralleluniversen: Sie schneiden sich eigentlich nicht. Chirurgie und Zauberei lassen sich nun mal nicht harmonisieren. Dieser Film verzichtet indes darauf – und das trauen sich viele ähnliche Filme nicht –, am Ende die eine Sehnsucht zugunsten der anderen auszuspielen, die eine zugunsten der anderen zu verabsolutieren. Das macht „Doctor Strange“ unfassbar kompliziert – und das ist schön!

Ob es etwas mit unserer Welt jenseits des Kinos zu tun hat, ob sich für die Tendenz, an dem festzuhalten, was wir wissen und kennen und gleichzeitig mehr Metaphysik zu wagen, Entsprechungen finden lassen, sollte an anderer Stelle diskutiert werden. Ausgeschlossen ist es nicht. Für den Moment sind wir auf Christine Palmer angewiesen. Für uns schultert sie die Last dieser schwierigen Frage. Danke, Doctor Palmer!