Mélanie (Ana Girardot) und Rémy (François Civil) sind Nachbarn. Selbst wenn sie nebeneinander in einem Geschäft stehen, sehen sie sich nicht. 
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BerlinAls die Wissenschaftlerin Mélanie (Ana Girardot) bei der Arbeit über Schlafstörungen klagt, weiß ihre Kollegin sofort Rat. Es könnte doch etwas Psychosomatisches sein, bei dem der Körper ein Warnsignal sendet, weil etwas nicht in Ordnung ist. Auch der Fabrikarbeiter Rémy (François Civil) kann nicht schlafen. Vielleicht liegt es daran, dass gerade sein Job wegrationalisiert wird. Der Psychiater, den er nach einer Panikattacke aufsucht, vermutet aber, dass das Problem tiefer sitzt.

In seinem neuen Film „Einsam Zweisam“ erforscht der Regisseur Cédric Klapisch gemeinsam mit seinen beiden Protagonisten die Ursache für ihr Unwohlsein. Dabei gibt es zwischen Mélanie und Rémy zwar viele Parallelen, aber keine direkte Verbindung. Beide sind um die Dreißig, gutaussehend, introvertiert und alleinstehend. Und beide wohnen im Pariser Bezirk Buttes-Montmartre nur wenige Meter voneinander entfernt. Mehrmals treten sie auf ihre angrenzenden, aber voneinander abgeschirmten Balkone oder stehen im selben Spätkauf hinter verschiedenen Regalen – immer kurz davor, endlich einander zu bemerken.

Manchmal wirken diese Ausweichbewegungen auch ein wenig erzwungen. Wenn sie etwa direkt nebeneinander in der Apotheke stehen und über dasselbe Problem klagen, benachbarte Psychiater aufsuchen oder das verschwundene Kätzchen von Rémy ausgerechnet in die Arme von Mélanie läuft, fühlt sich das etwas zu sehr nach Drehbuchkonstrukt an. Die Geschichten von Mélanie, die nie über ihre letzte Trennung hinweggekommen ist, und von Rémy, der an den Folgen einer Familientragödie zu knabbern hat, sind letztlich aber unterschiedlich genug, um eigenständig zu bleiben. Vereint wiederum werden sie durch dieselbe missliche Lage: Weil sich beide nicht von der Vergangenheit lösen können, stehen sie ihrem Glück selbst im Weg.

Spannend bleibt „Einsam Zweisam“ auch, weil er zwar im Unklaren lässt, ob sich Mélanie und Rémy jemals begegnen werden, aber stets mit der Möglichkeit spielt, dass es jederzeit passieren könnte. Mal kommunizieren die beiden anonym mit einem Chanson über den Lüftungsschacht. Ein anderes Mal wird ein erster Blickkontakt im letzten Moment durch einen Unfall verhindert.

Statt eine herkömmliche Liebesgeschichte zu erzählen, verharrt Klapisch bei ihrem Prolog. Oft heißt es, man könne sich erst auf eine Beziehung einlassen, wenn man mit sich selbst im Reinen ist. Der Film folgt dieser Maxime und gibt sich nicht der Illusion hin, die Liebe könne ein Allheilmittel sein. Deshalb werden die Protagonisten auch nicht in erster Linie als füreinander bestimmte Singles charakterisiert, sondern als komplexe Figuren, die unter Familienkonflikten und einem strapaziösen Berufsleben ebenso leiden wie unter ihrer Einsamkeit.

Als Rémy seine Eltern in der Provinz besucht, versucht er seinem Bruder zu erklären, warum es ihn nach Paris verschlagen hat. In der Großstadt sei die Luft zwar schlechter, aber man könne dort trotzdem besser atmen. Klapisch inszeniert seinen urbanen Schauplatz als Hort der Individualität und Freiheit, an dem die Anonymität und Unverbindlichkeit ihren Preis hat. Auch das Internet täuscht Nähe nur vor. Nachdem Rémy sich etwa einen Facebook-Account anlegt, ist sein einziger Kontakt ein Klassenkamerad, den er völlig zu Recht vergessen hat. Für Mélanie offenbart sich durch eine Dating-App lediglich, auf wie viel unterschiedliche Arten ein Mann inakzeptabel sein kann.

Klapischs Figuren wirken bei ihrer Sinnsuche nie wirklich neurotisch, sondern immer betont normal. Rémys Psychiater besteht einmal darauf, dass der junge Mann keine Depression habe, höchstens einen Hauch davon. Aber auch wenn den Protagonisten existenzbedrohende Ängste fremd sind, behandelt der Film ihre Probleme nicht als weniger bedeutend „Einsam Zweisam“ interessiert sich nur einfach mehr für alltägliche als für außergewöhnliche Schicksale. Mehrmals schweift die Kamera etwa ab, um sich anderen Fahrgästen in der Metro oder Patienten beim Psychiater zu widmen. Spätestens hier wird klar, dass Mélanie und Rémy auch Stellvertreter für die vielen anderen zerbrechlichen und liebesbedürftigen Großstädter da draußen sind.

Einsam Zweisam

(Deux Moi) Frankr./Belgien 2019. Regie: Cédric Klapisch; Drehbuch: Cédric Klapisch, Santiago Amigorena; Kamera: Élodie Tahtane. Mit: François Civil, Ana Girardot, Camille Cottin, François Berléand. 110 Min. FSK ab 6