Bild aus dem polnischen Animationsfilm „Acid Rain“ von Tomek Popakul, der beim Festival in Stuttgart den Hauptpreis gewann.
Foto: Trickfilmfestival Stuttgart

Berlin Im kurzen Animationsfilm „Tales from the Multiverse“ erleben wir Gott als begeisterten Programmierer. Doch immer wieder durch seine nervenden Kinder abgelenkt, tippt er öfter daneben und löst damit im Universum jenes Chaos aus, mit dem wir Menschen täglich zu ringen haben. Der kleine Film mit dem visionären Homeoffice-Gag wurde lange vor Corona gedreht, im Kinosaal hätte er sicher viele Lacher auf seiner Seite gehabt. Er war aber nur online zu sehen.

Als Wettbewerbsbeitrag des Internationalen Trickfilmfestivals Stuttgart ging er mit weiteren knapp 30 Kandidaten ins Rennen um den  mit 15.000 EUR dotierten Grand Prix. Stuttgart war jetzt das erste von mehreren großen Festivals in Deutschland, die  in einer rein digitalen Variante veranstaltet werden.

Viele etablierte Festivals standen vor einer  Grundsatzentscheidung, als  Mitte März die Pandemie auch in den filmischen Veranstaltungskalender Deutschlands eingriff.  Prinzipiell gab es  nur drei Möglichkeiten: die Streichung der Termine, ihre Verlegung in den Herbst oder das Ausweichen in den virtuellen Raum. In München fiel das Filmfest komplett weg, während das Kurzfilmfest Dresden von April auf September verlegt wurde. Auf das Wagnis einer digitaler Variante ließen sich neben Stuttgart auch goEast Wiesbaden, das Dok-Festival München und die Kurzfilmtage Oberhausen ein.

Damit wird Neuland betreten, denn Erfahrungswerte gibt es nicht. Zwar wurde schon zuvor stellenweise mit Online-Bausteinen gearbeitet, so bei Pressekonferenzen oder für Interviews per Skype. Dass aber ein komplettes Festival von der Eröffnung bis zur Preisverleihung von Publikum und Fachbesuchern nur am Laptop verfolgt werden kann, das hat es bislang noch nicht gegeben.

Wie das Stuttgarter Beispiel zeigt, treten wir damit in eine reizvolle Hybridphase ein, mit der sich Praxis und Erscheinungsbild der Festivalwelt verändern werden. Als Direktoren-Doppelspitze entschieden sich Ulrich Wegenast und Dieter Krauß für eine dicht am analogen Ablauf angelehnte Struktur. Täglich gab es neben dem Hauptprogramm in sieben Sektionen wechselnde Nebenschauplätze wie Länderschwerpunkte, Gespräche oder Workshops. An den Besuchern war es nun, unter den Angeboten eine Auswahl zu treffen, je nach Vorlieben. Ein lückenloser Konsum des gesamten Spektrums war physisch und terminlich nicht zu schaffen. Diesen Stress kennt jeder Gast analoger Festivals auch.

Doch geht es nun einmal schneller, sich innerhalb einer Benutzeroberfläche klickweise fortzubewegen, als von einem Veranstaltungsort zum nächsten zu hasten.

Neben den organisatorischen und technischen Herausforderungen galt es vor allem die juristischen Hürden zu bewältigen. In Stuttgart waren vier Medienanwälte damit beschäftigt, rechtliche und finanzielle Lösungen für das Streaming vollständiger Filme zu finden. Festivals sind dafür eigentlich nicht gedacht. 

Die Organisatoren fanden dafür unterschiedliche Varianten. Oberhausen und Stuttgart bieten preiswerte Pässe für 9,99 Euro an, mit denen alle Hauptprogramme gesehen werden können. In Wiesbaden und München muss pro Film bezahlt werden - allerdings laufen dort auch vorwiegend abendfüllende Werke.

Bei den Veranstaltern wird die Erleichterung groß sein, wenn endlich zu gewohnten Formen zurückgekehrt werden kann. Das dürfte noch eine ganze Weile dauern. Völlig unklar ist zum Beispiel derzeit, wann globale Reiseaktivitäten wieder möglich sein werden.

Aber eine Rückkehr zum gewohnten Modus wird es wohl ohnehin  nicht geben. Was durchaus auch sein Gutes hat. Schon jetzt deutet sich an, dass der oft etwas hermetische, weil exklusive Festival-Kosmos paradoxerweise durch die Quarantäne an Transparenz gewinnen könnte. Wer weder Zeit noch Muße hat, von einem Festival zum anderen kreuz und quer über den Globus zu jagen, sollte auch nach der Krise in der Lage bleiben, ausgewählte Filme online  zu sehen. Einfach nur zur Information.

Denn eins ist auch klar: So erstaunlich originell und funktional die ersten Online-Festivals jetzt auch gestartet sind, so deutlich wird dabei ihr gravierendster Mangel - jener des unmittelbaren Austausches. Der Mensch ist und bleibt trotz  social distancing ein soziales Wesen.

Mit dem Film „Acid Rain“ von Tomek Popakul aus Polen, der beim Festival in Stuttgart zu Recht den Hauptpreis gewann, wird diese Grundsehnsucht nach Verständigung auf schmerzlich-schöne Weise deutlich. Nach einer apokalyptischen Reise durch halluzinogene Innen- und Außenräume wird der entwurzelten Heldin die Flucht vor sich selbst bewusst. Am Ende stehen Öffnung, Gespräch und Neubeginn.