Also: Zu dick finde ich ihn jedenfalls nicht. Beim japanischen Publikum herrscht seit einer Weile schon Spott und Empörung vor, seit nämlich die ersten Trailer zum neuen aus Hollywood kommenden „Godzilla“-Film ausgestrahlt wurden. Gegenüber dem japanischen Original aus dem Jahr 1954 sei die neueste amerikanische Variante des Monsters zu pummelig geraten, heißt es. Der US-Godzilla habe zu viel Speck auf den Hüften und einen erheblich zu breiten Hintern, was wieder einmal zeige, dass die Japaner als solche eben eher zu Schlankheit und Drahtigkeit neigen, während die US-Amerikaner tendenziell zu dick seien, weil sie sich zu wenig bewegen und zu fettige Sachen essen; das gelte, so die japanischen Kommentatoren, offenbar nicht nur für die real existierenden Menschen, sondern auch für die Monster, die sie sich erschaffen.

Das mag einerseits im Allgemeinen so sein. Im Besonderen ist andererseits festzustellen, dass der von Regisseur Gareth Edwards und seinem Chefdesigner Jim Rygiel erschaffene neue Hollywood-Godzilla keineswegs pummelig ist. Er hat einen flachen, gut trainierten Bauch, und im Po-Becken-Hüfte-Bereich mag er zwar kräftiger geraten sein als seine Vorgänger, aber dies keineswegs in fettig-weichlicher Weise, sondern ausgesprochen sportlich und straff.

Ich würde ihn mithin eher als stämmig bezeichnen, wobei sich zur Stämmigkeit noch eine erstaunliche Eleganz gesellt. Durch die Tiefen des Ozeans gleitet er ebenso geschmeidig, wie er sich gelenkig und sicher an Land zu bewegen versteht – ein erheblicher Fortschritt in der Körperbeherrschung gerade gegenüber den klassischen Godzillafiguren des japanischen Kinos, die ja selbst in ihren zerstörerischsten Momenten immer etwas tapsig wirkten und dadurch zu niedlich, als dass man sich wirklich vor ihnen fürchten möchte.

Godzilla ist auch nicht das einzige Monster, das durch den neuen Godzilla-Film tobt. Besonderes Augenmerk haben Edwards und Rygiel auf die Wiederbelebung des bei Monsterfilmfreunden besonders beliebten überdimensionalen Mottenmonsters Mothra gelegt, das seit den Sechzigerjahren – etwa in „Mothra bedroht die Welt“ oder „Godzilla und die Urweltraupen“ – immer wieder einmal gegen Godzilla angetreten ist. Diesmal sind sind sogar zwei Monstermotten mit von der Partie, ein heterosexuelles Pärchen: Herr und Frau Mothra ernähren sich ausschließlich von Radioaktivität, darum zieht es sie zu Kernkraftwerken und Endlagern hin; für den kleinen Hunger zwischendurch darf es aber auch einmal ein nuklearer Raketenkopf sein.

Grandiose Monsterkampfszenen

Wenn hundert Meter große Flugwesen über Nuklearanlagen herfallen, entstehen für die drumherum siedelnden Menschen Probleme, darum versucht das Militär, die Mottenmonster zu töten. Auch Godzilla kann die beiden – aus in seinem Fall allerdings nicht ganz ersichtlichen Gründen – nicht leiden, so dass alsbald Lebewesen aller Art und Größe gegeneinander vorzugehen beginnen.

Mit entsprechenden Effekten: Wer sich für epochale Erdbeben, gewaltige Flutwellen, stürzende Wolkenkratzer, kollabierende Atomkraftwerke, Chaos, Gewalt und virtuos inszenierte Massenpanik interessiert, sollte diesen Film unbedingt sehen, seine Monsterkampfszenen sind ebenso grandios animiert wie die detailverliebt ausgepinselten apokalyptischen Panoramen. Nukleare Endlager in entlegenen Wüsten werden ebenso liebevoll kaputt gemacht wie Honolulu, Las Vegas und San Francisco.

Besonders beeindruckend gelingt Rygiel – der schon für die visuellen Effekte in Peter Jacksons „Der Herr der Ringe“-Trilogie verantwortlich war und dafür drei Oscars bekommen hat – der Kontrast zwischen den winzigen wimmelnden Menschen und den wirklich sehr großen Monstern. Während zu Beginn des Films ganz der erhabene Schrecken des gewaltigen Größenunterschieds dominiert, gleitet der Betrachter gegen Ende allmählich in die Perspektive der Riesenviecher hinein und also in die Draufsicht auf sich selbst.

Das ist alles toll anzusehen und ergäbe einen sehr kurzweiligen Film, wäre Gareth Edwards nicht auf den Versuch verfallen, um das wunderbar tumbe Monstergeprügel herum auch noch eine Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte zumal, in der vom Hiroshima-Trauma über die Anschläge vom 11. September bis zum Super-GAU von Fukushima reihenweise historische Großereignisse vorkommen müssen und auch noch ein überaus uninteressanter Vater-Sohn-Konflikt bis zum Überdruss durchgearbeitet wird. Von allen Megakatastrophen in diesem Film ist das Drehbuch leider die größte.

Wann immer kein Monster im Bild ist, nervt der neue „Godzilla“ mit öden Psychoklischees und einer bis zur Nichtnachvollziehbarkeit konfus vollgestopften Dramaturgie. Für die schon angekündigte nächste Folge wäre zu wünschen, dass die Produzenten auf derlei narrativen Schnickschnack verzichten. Man muss sich für einen Monsterfilm keine psychopolitisch ambitionierte Story ausdenken, wenn einen das überfordert. Es reicht auch, es einfach ordentlich krachen und rauchen zu lassen.

Godzilla USA 2014. Regie: Gareth Edwards, Drehbuch: Max Borenstein, Kamera: Seamus McGarvey, Darsteller: Aaron Taylor-Johnson, Ken Watanabe, Elizabeth Olsen, Juliette Binoche u. a.; 123 Minuten, Farbe. FSK ab 12.