In Minute 1,12 des Films „Goldrausch“ steht der Manager Klaus Klamroth in seiner Garage in Heidelberg, blättert durch Aktenordner und erzählt über seine Zeit als Leiter der Hallenser Treuhand-Niederlassung Anfang der Neunzigerjahre: „Ich musste feststellen, dass ich in vielen Dingen zu naiv an die Aufgabe rangegangen bin, dass ich nicht genug aufgepasst habe.“ Matthias Artzt ruft in Berlin vor dem Bildschirm in diesem Moment schon zum zweiten Mal Stop. „Das ist interessant: Da wird ein Experte eingeführt, der sich aber dafür entschuldigt, kein Experte gewesen zu sein. Und diese Erklärung vermittelt dann: Was bei der Treuhand schief gelaufen ist, das war nicht systembedingt, das war keine Korruption, sondern das lag daran, dass so ein Klamroth ein bissel naiv war, nicht richtig aufgepasst hat. Dabei war die Freistellung von grober Fahrlässigkeit ein Einstellungskriterium.“

Normalerweise nervt es, wenn Leute beim Filmegucken dazwischen reden, hier ist es ausdrücklich erwünscht. Am Dienstagabend um 22.45 Uhr zeigt die ARD „Goldrausch – Die Geschichte der Treuhand“, und gut eine Woche zuvor sitzt Gerd Gebhardt mit Matthias Artzt in dessen Arbeitszimmer in der Berliner Chausseestraße zusammen vor einem Rechner, um eine Presse-DVD des Dokumentarfilms anzuschauen. Denn die Geschichte der Treuhand ist ihre Geschichte. Von ihnen stammt die Vorlage für den Umgang mit den volkseigenen Betrieben der DDR.

Sogar der Tisch ist noch da

Es gibt Kuchen und Kaffee zum Film. Das Zimmer kann man darin sehen, nach sechs Minuten haben beide darin ihren Auftritt vor der Bücherwand, die in Wirklichkeit noch viel beeindruckender ist. Im Film kann man der Stimme von Artzt anmerken, dass sie nicht routiniert in Kameras und Mikrofone spricht, der Wahl der Krawatte von Gebhardt sieht man an, dass es Dinge geben muss, für die er sich mehr interessiert als für Mode.

Nach diesen ersten Minuten tauchen beide als Auskunftgeber in „Goldrausch“ nicht mehr auf. Dabei ist sogar der kleine Tisch noch da, auf dem jetzt der Laptop mit dem Film steht. An ihm hatte sich in den letzten Jahren der DDR immer wieder eine informelle Gruppe getroffen, die sich Freie Forschungsgemeinschaft Selbstorganisation (FFGSO) nannte. Dazu gehörten Ökonomen, aber auch Intellektuelle wie der Kirchenhistoriker und spätere Demokratie-Jetzt-Gründer Wolfgang Ullmann aus dem nahe gelegenen Sprachenkonvikt, einer evangelischen Hochschule in der Borsigstraße. Artzt forschte zehn Jahre an der Akademie des Wissenschaften über komplexe Systeme in Natur und Gesellschaft, der Physiker Gebhardt war beim Hygiene-Institut beschäftigt und hatte Argwohn auf sich gezogen mit einer Doktorarbeit, die den Energieverbrauch der DDR durchrechnete.

Durchrechnen ist vielleicht ein guter Begriff für die nüchternen Denkbewegungen von Artzt und Gebhardt. Am 6. Oktober 1989 saß die Gruppe zusammen, diesmal im lauschigen Garten von Gebhardts Haus in Potsdam-Babelsberg, das die Stasi damals mit einigem Aufwand observierte. Und man rechnete durch: Es war abzusehen, dass das „Pendel der Geschichte“, wie beide das nennen, von Moskau nach Bonn umschlagen würde. Die DDR-Führung könnte zwar noch versuchen, das zu verhindern, aber wahrscheinlich schien das nicht zu sein. Was hieß: Die Marktwirtschaft würde an die Stelle der Planwirtschaft treten. Wie aber ließ sich dieser Übergang gestalten?

„Bifurkationen“ sagt Gebhardt zu solchen Stellen, was man dann erst mal im Wörterbuch nachschlagen muss. Gemeint sind Gabelungen im Was-passiert-dann-Gedankengang, die die Tragweite von politischen Entscheidungen ermessen sollen. „Anfang Oktober 1989 kommt Ullmann zu uns“, erzählt Artzt, „und legt uns einen Bericht zur Lage der Nation auf den Tisch, an den er durch seine Westkontakte gekommen war. Ullmann sagt, die Forderungen der oppositionellen Gruppen in der DDR würden bald erfüllt sein.“ Man müsse sich mit dem Danach beschäftigen.

Das systematische, sorgsame Denken spürt man noch heute, in der Weise, wie Artzt und Gebhardt, die sich seit Zwickauer Schultagen kennen, miteinander reden. Beide sind schnell, schäumen über vor Erklärungen und Ableitungen wie zwei Radfahrer, die permanent Attacken reiten, aber so gut aufeinander abgestimmt sind, dass sie immer am Hinterrad des anderen bleiben, bis der seinen Sprint zu Ende gefahren hat. Manchmal lehnt sich auch Artzts zartere Stimme mit einem fragenden „Oder?“ rüber zu Gebhardts kräftigem Bass, damit der einen kleinen Exkurs richtig einordnet. Beziehungsweise andersrum.

Reizwort Treuhand

Nach dem besagtem Oktoberabend vor 24 Jahren schreiben Artzt und Gebhardt „Treuhandanstalt“ über ihr Konzept. Grundlage ist ein ungemein verlockender Gedanke: Wie können die Menschen zum Subjekt ihrer Geschichte werden? Um Subjekt in der Marktwirtschaft sein zu können, braucht es Eigentum. Die Überlegungen von Artzt und Gebhardt nehmen den in der DDR-Praxis definitorisch etwas vagen Begriff vom „Volkseigentum“ beim Wort: Die Betriebe sind zwar marode, aber nicht verschuldet, sie können also beliehen werden. Der Plan sieht vor, das eine große Volkseigentum dem Besitz von Ländern und Kommunen zuzuordnen und Restitutionsansprüchen gegenüber offen zu sein. Der Rest, also der Hauptteil, hätte in Anteilsscheinen ans Volk ausgegeben werden sollen – bei der ersten Freien Wahl am 18. März 1990. Das Volk wäre nicht nur demokratischer Wähler geworden, sondern zugleich marktwirtschaftlicher Eigentümer. Die Voucher wären nicht handelbar gewesen, sondern sollten als Grundbucheinträge Privatbesitz begründen.

Am 12. Februar 1990, die Szene ist im Film kurz zu sehen, trägt Gebhardt dem Runden Tisch das Konzept zur Treuhandanstalt vor, das verabschiedet, von der Modrow-Regierung aber nicht mehr umgesetzt wird. Ob aus Vorbehalt oder Nachlässigkeit, lasse sich nicht ergründen, sagt Gebhardt. Und weist darauf hin, dass noch eine Überschreibung von volkseigenen Ein- bis Zwei-Familienhäusern durchgesetzt wurde vor dem Ende der Volkskammer, weil davon die alte Nomenklatur profitierte.

In Bonn entwirft derweil das Finanzministerium unter Theo Waigel seinen eigenen Pläne. Der zuständige Staatssekretär heißt Horst Köhler und wird einmal Bundespräsident werden, der ausführende Abteilungsleiter ist der spätere Bestsellerautor Thilo Sarrazin. Die Politik, die aus dem Namen Treuhand bald ein Reizwort gemacht haben wird, propagiert das Gegenteil der Was-passiert-dann-Abwägungen von Artzt und Gebhardt: Augen zu und durch, Privatisierung um jeden Preis. „Auch wenn das den Untergang ganzer Industrien bewirken musste“, wie Gebhardt anmerkt.

Die beiden Erfinder einer ganz anderen Treuhand arbeiten in dieser Zeit weiter an ihren Ideen. Gerd Gebhardt berät in der letzten Volkskammer den Abgeordneten Werner Schulz vom Bündnis ’90, Artzt Günter Nooke, der damals noch nicht in der CDU war. Einen Erfolg können sie feiern: Das Parlament verabschiedet ein Gesetz aus der ursprünglichen Treuhand-Idee, das den Kommunen ihren Teil am Volkseigentum überschreibt. Städte und Gemeinden müssen ihre Rathäuser nicht kaufen, sie gehören ihnen. Ein ähnlich gelagertes Landesvermögensgesetz kommt nicht mehr durch. Deshalb ist beispielsweise Brandenburg aktuell damit beschäftigt, seine Seen noch einmal zu bezahlen.

Das ist die Geschichte von Matthias Artzt und Gerd Gebhardt, und in gewisser Weise passt es, dass der „Goldrausch“-Film sie nicht erzählt, sondern nur einen Credit fürs Erfinden vermerkt. Die Fassung, die letztes Jahr einen kleinen Kinostart hatte und nun im Fernsehen läuft, ist die des Produzenten Thomas Kufus. Der Regisseur Dirk Laabs hat seinen Namen zurückgezogen und die Recherchen in einem Buch veröffentlicht („Der deutsche Goldrausch. Die wahre Geschichte der Treuhand“). Kufus erklärte dazu: „Die wesentlichen Mängel lagen vor allem im erzählerischen Duktus.“ Was man so sagt, wenn man nicht sagen will, was einem eigentlich nicht passt.

Bei der Mängelbehebung sind vor allem die Szenen mit Artzt und Gebhardt rausgeflogen. Die Akteure der Geschichte sind im Film jetzt der putzige Klamroth aus Heidelberg, der sentimental über die Wiese in Halle läuft. Und Detlef Scheunert, der einzige unter 46 Treuhand-Direktoren mit DDR-Biografie. Beide wären verzichtbar gewesen für Artzt und Gebhardt, denn wie soll ein großer Zusammenhang erzählt werden mit Figuren, die nicht überblicken, was sie tun?

Eine Form von Einmischung

In zweieinhalb Stunden schaffen Artzt und Gebhardt gerade mal 25 Minuten von „Goldrausch“, so viel gibt es nachzutragen. Wir spulen vor bis kurz vor Schluss, bis zu der Stelle, an der Norman van Scherpenberg, der Generalbevollmächtigte der Treuhand, sich freudig verhaspelt an dem Wortungetüm „Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben“ (BvS). Das habe er sich selbst ausgedacht, um die Arbeit der Behörde unter dem negativ besetzten Begriff Treuhand aus dem Zentrum des öffentlichen Interesses zu nehmen. Was geklappt hat. „Scherpenberg wusste was läuft, dass all’ die Krisen, von denen der Film wie von Naturkatastrophen erzählt, nicht aus dem Nichts heraufgezogen sind“, sagt Artzt anerkennend. Anders als die beiden Erfinder schützte er sich mit Zynismus gegen dieses Wissen.

Und so steckt in der Geschichte von Artzt und Gebhardt, die nach 1990 beide Ministerialbeamte im Land Brandenburg wurden und mittlerweile im Ruhestand sind, auch die Erinnerung an eine alternative Form von politischem Engagement und intellektueller Einmischung. Die FFGSO würde man heute Think Tank nennen, sagt Gebhardt. Was nicht ganz stimmt, denn Think Tanks forschen im Interesse der Leute, die sie finanzieren. Die FFSGO war dagegen wirklich frei. Dort saßen Menschen zusammen, die sich überlegt haben, wie das Volk tatsächlich Volk sein kann.