Ein Jahr nach ihrer Uraufführung verschwindet die Operette „Messeschlager Gisela“ plötzlich aus dem Repertoire des Ost-Berliner Metropol-Theaters. Der Intendant streicht sie einfach vom Spielplan und beschweigt störrisch den Grund. Kein Mensch versteht das, schließlich handelt es sich um die „erste sozialistische Operette“.

Nach der erfolgreichen Premiere im Oktober 1960 gibt es 74 ausverkaufte Vorstellungen. Das Stück hat alles, was DDR-Funktionäre von so einem Gegenwartsstück erwarten, oder nicht? Dem Komponisten Gerd Natschinski sind schmissige, eingängige Melodien mit großzügigen Orchester-Arrangements eingefallen, der Librettist Jo Schulz erzählt aus dem Alltag der Bekleidungsfabrik „VEB Berliner Schick“.

Dort entwirft die Näherin Gisela in Stille und Bescheidenheit das, was die werktätige ostdeutsche Frau gern trägt: Ein schlichtes Rockblusenkleid. Keine dieser scheußlich avantgardistischen Ballonröcke, wie sie ihr Direktor auf der Messe vorzustellen gedenkt. Die Sekretärin ist faul, frech und legasthenisch veranlagt, gefällt aber dem Chef. Doch es gelingt, die „heiteren Konflikte heiter zu lösen“, schlüsselt das Programmheft auf.

Tja, aber was schreibt das Neue Deutschland, Zentralorgan der Partei? Die positiven Figuren seien künstlerisch nicht so stark wie die „negativen Typen“, der Komponist möge das überprüfen, es handele sich schließlich um ein „Kernproblem sozialistischer Operettenkunst“. Der Komponist, der fraglos zu den gutwilligen Künstlern des Landes zählt, reagiert nicht. Aber nach dem Mauerbau ist eben auch Schluss mit tollen negativen Helden.

Mit so etwas also muss sich Gerd Natschinski, einer der erfolgreichsten DDR-Unterhaltungskomponisten, in seinem Berufsleben herumschlagen. Geboren 1928 in Chemnitz, beginnt er unmittelbar nach Kriegsende ein Musikstudium. Auf Wunsch des Vaters bricht er es ab, um Geld zu verdienen, aber da muss er schon einiges gelernt haben. Er arbeitet als Musiklehrer und Kantor, nimmt weiter Unterricht, leitet bereits als 20-Jähriger das Große Unterhaltungsorchester des Leipziger Rundfunks und wird schließlich Meisterschüler bei Hanns Eisler.

1952 geht er nach Berlin, wo er zwei Jahre Chef des Unterhaltungsorchesters beim Berliner Rundfunk bleibt und hier nicht mehr weg will. Er beginnt sein Lebenswerk als Komponist, seinen Fleiß muss man als maßlos bezeichnen. Er schreibt – so viel Statistik muss sein – 13 Musiktheaterstücke, die Musik zu 70 Filmen, 400 Lieder. Zu denen gehören Schlager wie „Zwei gute Freunde“ für Fred Frohberg oder „Damals“ für Bärbel Wachholz, die die Leute in den 1960er-Jahren vor dem Radio mitpfeifen können.

Die Zuschauer biegen sich vor Lachen

Zwischen 1977 und 1980 ist Gerd Natschinski Intendant des Metropol-Theaters, aber seine große Zeit hat er in den Sechzigern, während die 1970er schon eher seinem Sohn Thomas gehören, der mit Team 4 eine der ersten DDR-Beat-Kapellen gründet und dessen Titel „Mokka-Milch-Eis-Bar“ auch etwas Unverwüstliches anhaftet.

Gerd Natschinski lässt sich von der unmanierlichen Absetzung seines ersten Musicals nicht irritieren, sondern schreibt 1964 sein nächstes: „Mein Freund Bunbury“ nach Oscar Wilde, ein Langläufer. Sein Musikfilm „Heißer Sommer“ 1968 mit Chris Doerk und Frank Schöbel erlangt später Kultstatuts.

„Messeschlager Gisela“ muss lange warten, bis es zurück darf aus der Versenkung. 1998 bereitet Peter Lund die Operette für die Neuköllner Oper auf, eine Inszenierung, die den sozialistischen Produktionsalltag mit so viel Witz auf die Bühne bringt, dass sich die Zuschauer biegen vor Lachen. Und man hört noch mal, dass der Titel „Rote Rosen“ ein ähnlicher Schmachtfetzen ist wie die „Weißen Rosen“ aus Athen.

Gerd Natschinski, Vater von drei Söhnen, ist am 4. August im Alter von 86 Jahren in Berlin gestorben. Bis zum Schluss habe er jeden Tag gearbeitet, erzählt sein Sohn Thomas.