Das Adjektiv „harmlos“ hat in Kritiken selten einen guten Klang. Meist ist es die Präambel einer Schmähung, oft die Chiffre einer Enttäuschung. Es unterstellt eine Beißhemmung, eine Ausflucht in die Versöhnlichkeit. Andererseits – gibt es eine eherne Regel, derzufolge Kunstwerke Schaden anrichten müssen, um ihre Existenz zu rechtfertigen?

In der Tat, von einem altgedienten Unruhestifter wie Bernardo Bertolucci hätte man nun wirklich Provokanteres erwarten dürfen. Sein Comeback nach zehn Jahren des Schweigens erfindet die Filmsprache nicht neu. Es lässt sich nur mit Mühe hochrechnen zu einer Bestandsaufnahme des gegenwärtigen Italien. Der erzählerische Radius von „Ich und du“ ist begrenzt, erfüllt sich in einer fast heiteren Bescheidenheit und Konzentration. Er beschränkt sich auf das zugeneigte Porträt zweier Heranwachsender, die man gemeinhin als Problemkinder bezeichnen würde. Das Ende bleibt offen, entlässt den Zuschauer aber nicht ernsthaft in Sorge über den Fortgang der zwei Lebenswege, die sich für eine kurze Zeit kreuzen. Die Harmlosigkeit dieses Films ist eine helle Freude.

Die Leichtfüßigkeit, zu der Bertolucci hier findet, ist bekanntermaßen einer schweren Krankheit abgetrotzt, die ihn seit Jahren an den Rollstuhl fesselt. Ein Alterswerk muss man den Film deshalb nicht schimpfen: Allzu unbändig mutet die Freude des Regisseurs an, endlich wieder drehen zu können; allzu groß die Lust, sich mit einem zeitgenössischen Stoff, zwei jungen Schauspielertemperamenten und einem Schauplatz auseinanderzusetzen. Der Ort ist der Keller eines vornehmen römischen Mietshauses, die Romanvorlage stammt von Niccolò Ammaniti, die Schauspieler verkörpern zwei Halbgeschwister, die sich unverhofft begegnen.

Der 14-jährige Lorenzo (Jacopo Olmo Antinori) ist menschenscheu auf eine Weise, die sein Psychiater als narzisstische Störung diagnostiziert. Der Vater ist abwesend, die aparte Mutter manisch fürsorglich. Als seine Klasse zu einer Skifreizeit fährt, versteckt er sich im Keller: Er schwänzt nicht den Unterricht, sondern die verordnete Gemeinschaft. Unversehens taucht jedoch eine Fremde auf, die sich als seine Halbschwester Olivia (Tea Falco) entpuppt. Sie ist drogensüchtig, hat aber die Hoffnung, sie könne mit einem Ex-Freund ein neues, cleanes Leben beginnen. Für Lorenzo ist sie zunächst ein Störenfried, der sich nicht abschütteln lässt. Eigentlich ist das alles zu viel für ihn: ihr bei den Qualen des kalten Entzugs zuschauen und ihre bedrängende, körperliche Nähe aushalten zu müssen. Dennoch wird ihre Zwangsgemeinschaft – sie versteht es, ihr Dableiben zu erpressen – zu einer Konjunktion.

Lorenzos Versteck ist kein Gefängnis, sondern eine Wunderkammer. Bertolucci filmt es so, dass es in jeder Sequenz ein neues Antlitz erhält. Es wird zum Terrain seelischer Orientierungsreisen, ein Kampfplatz. Olivias Anwesenheit stellt Forderungen, denen Lorenzo nicht ausweichen kann. Einmal tanzen sie miteinander zu Bowies „Space Oddity“. Seit „Vor der Revolution“ sind sich Bertolucci-Figuren durch Musik nicht mehr so nahe gekommen. Dem Verdacht einer inzestuösen Verstrickung, die man reflexhaft unterstellen möchte, spottet der Regisseur souverän. Sein Blick ist unverfänglicher, freier. Er lässt gewähren. Lorenzos und Olivias Aufruhr begreift er nicht als klinischen Befund, sondern als Vorzug.

Ihre Neugierde aufs Leben darf eigenen Regeln folgen. Aber sein Film besteht darauf, dass die Geschwister ihre Begegnung als Lebenslektion nehmen. Lorenzo nimmt ihr das Versprechen ab, nie wieder Drogen zu nehmen. Olivia gibt ihm auf, sich nicht mehr zu verstecken. Das klare Licht des Morgens, in dem sich ihre Wege trennen, räumt den Zweifel nicht aus. Die Zuversicht auch nicht.

Ich und du. Italien 2013. Regie: Bernardo Bertolucci; Drehbuch: Niccolò Ammaniti, Umberto Contarello, Francesca Marciano, Bertolucci, nach einem Roman von Ammaniti; Darsteller: Jacopo Olmo Antinori, Tea Falco u.a. Farbe, 103 Minuten