Film "Jane Eyre": Die Freiheit in ihren Augen

Berlin - Die Landschaft spielt ihre eigene Rolle in diesem Film. Sie ist der Feind, mit dem Jane Eyre kämpft, als sie in unbestimmte Richtung flieht. Der Zuschauer, der weder den Roman kennt noch eine der 16 Verfilmungen zuvor, sieht, wie Nebel, Wind, Regen und Kälte nach der jungen Frau greifen, die rennt, stolpert, fällt. Mehrfach scheint sie im Boden zu versinken, doch immer wieder wehrt sie sich. Dann spuckt die Landschaft Jane Eyre aus, lässt sie an der Schwelle eines einsamen Hauses zusammenbrechen.

„Jane Eyre“ ist ein Film, der seine Wirkung sehr stark über die Atmosphäre entfaltet. Dafür benutzt der Regisseur Cary Joji Fukunaga eben das Szenenbild, aber auch die Kostüme und die Musik. Die Vorlage dafür, der englische Roman „Jane Eyre“, 1847 unter dem Autorennamen Currer Bell veröffentlicht, bewegt vor allem weibliche Leser bis heute. Sie wollen von der Verfilmung gleichermaßen gepackt werden, und sie können die Poesie hier sehen. Charlotte Brontë, die schließlich auch unter ihrem richtigen Namen Erfolg hatte, erzählt in dem Roman von einer Waisen, die um ihre Unabhängigkeit ringt.

Eine Leidensgeschichte

Der Film setzt also mit Janes Erwachen in dem Haus des jungen Vikars St. John Rivers ein (mit eindringlichem Blick: Jamie Bell). Jane gibt nur teilweise preis, wer sie ist, von wo sie geflohen ist. Das wird bald im Rückblick erzählt.

Es ist eine Leidensgeschichte: Bei ihrer Tante wird Jane als Kind ungerecht behandelt, nicht nur bestraft, sondern auch gezielt in Angst versetzt (von kultivierter Fiesheit: Sally Hawkins). Im Internat Lowood ergeht es Jane nicht besser. Ihre einzige Freundin stirbt. Bis hierher ist die Romanhandlung sehr gestrafft.

Als Jane das Heim verlässt, tritt sie eine Stelle als Gouvernante für ein französisches Mädchen auf Thornfield Hall an. Es ist ein düsteres Schloss, doch der jungen Frau geht es zum ersten Mal gut. Mit Wärme wird sie von der Haushälterin (Judi Dench) empfangen, die Arbeit macht ihr Freude. Und dann erst kommt der Hausherr, Mr. Rochester. Die erste Begegnung ist unheimlich, er erscheint als Reiter in nebliger Landschaft, sein Pferd scheut. Das erste Gespräch mit ihm wirkt wie ein Verhör. Beim nächsten Mal rettet sie ihn, als es in seinem Zimmer brennt. Aus seinen Worten spricht mehr als Dankbarkeit, Janes Gefühle kann man sehen. Doch das ist alles erst der Anfang.

Der Regisseur erzählt von Hoffnung und Entbehrung, von Vertrauen und Selbstbeherrschung und von einer großen Liebe. Man mag kaum glauben, dass „Jane Eyre“ nach „Sin nombre“ (2009) erst Fukunagas zweiter Spielfilm ist. Er benötigte für diese Geschichte eine Schauspielerin, die mit einem Schulterzucken, einer verzögerten Antwort, einem Abwenden des Blicks ihre Klasse zeigen kann. Wasikowskas Darstellung entspricht dem, was den Roman ausmacht: Den Kampf einer Frau um ein selbstbestimmtes Leben zu einer Zeit, da ihr höchster Rang immer nur der Platz hinter einem Mann sein konnte. Die in Australien geborene Schauspielerin vermag ihre Schönheit zunächst geschickt zu verbergen. Scheu schaut sie unterm viktorianischen Hut hervor. Doch bald hebt sich ihr Kinn, und ihre Augen beginnen zu strahlen. Während Charlotte Gainsbourg in der 1996er Verfilmung kaum einmal ihren waidwunden Blick ablegte, variiert Wasikowska geschickt Mimik und Körpersprache.

Wie vom Borderline-Syndrom befallen

Dazu brauchte sie einen guten Gegen- und Mitspieler. Das ist Michael Fassbender, der als Rochester unnahbar und zugleich nach Nähe suchend erscheint. Er spricht vor Jane von Liebe und demütigt sie, als er mit einer Adligen turtelt. Fassbender spielt wie vom Borderline-Syndrom befallen: liebenswürdig und kühl, aufgewühlt und zynisch. Dieser Mann hat ein dunkles Geheimnis; er ist seit Langem mit einer Frau verheiratet, die wahnsinnig geworden ist. Er hält sie lieber in seiner Nähe versteckt als in einem Irrenhaus gefangen. Sie treibt schließlich Jane Eyre in die Flucht. Sie wird auch Mr. Rochester ruinieren.

Es dauert, bis Jane Eyre sich aufrafft, zu dem Mann zurückzugehen, den sie aus Stolz verlassen musste. Die Landschaft sieht nun freundlicher aus. Der Film ist am Ende etwas zurückhaltender als der Roman. Das ist die einzige wirkliche Modernisierung, die Fukunaga sich erlaubt. Janes Emanzipation aber ist heute genauso glaubwürdig und bewegend wie vor 160 Jahren.

Jane Eyre. GB 2011. Regie: Cary Joji Fukunaga. 120 Min.