Layla, eine junge Schwarze aus Johannesburg, kennt sich aus mit Lügen. Sie hat gerade ihre Ausbildung als Fachkraft für Lügendetektoren abgeschlossen. Ihr erster Auftrag für eine große Firma, von der sie eingestellt wird, nachdem sie selbst – beeindruckend verkabelt – den Lügendetektor-Test bestanden hat, führt sie in ein entferntes Spiel-Casino in der Provinz, wo sie Job-Bewerber auf ihre Ehrlichkeit testen soll. Da sie ihren kleinen Sohn nicht beim getrennt lebenden Vater unterbringen kann, nimmt ihn die alleinerziehende Mutter mit.

Es ist Nacht, es ist unheimlich. Noch bevor etwas geschieht, ist die Atmosphäre mit einer sirrenden Unruhe aufgeladen. Schon die panik-erfüllten Blicke Laylas (hervorragend dargestellt von Rayna Campbell) in den Autorückspiegel, wenn doch einmal Scheinwerfer hinter ihr auftauchen, signalisieren, dass hier gar nichts gut gehen wird. Dann knallt es. Beim Versuch, einem querstehenden Auto und einem winkenden Mann auszuweichen, was Layla wie in Südafrika nur allzu üblich für einen Hinterhalt hält, fährt sie den Mann an. Sie hält; der Mann, ein älterer, bärtiger Weißer, atmet noch. Er hält die Hand des über ihn gebeugten Jungen fest. Am Straßenrand verendet ein Affe, der die Ursache für den Unfall des weißen Mannes war. Sie laden den Schwerverletzten auf die Rückbank und steuern ein schäbiges, kleines Landkrankenhaus an.

Keiner öffnet, niemand ist da. Es ist späte, kalte und notdürftig erleuchtete Nacht. Der Mann stirbt. Layla fährt zu einer Polizeiwache, um sich und den Unfall mit Todesfolge anzuzeigen. Doch angesichts der feindseligen weißen Polizisten verlässt sie der Mut. Was würde mit ihrem Kind geschehen, wenn man sie, wie sicher zu erwarten ist, ins Gefängnis werfen würde? Mutter und Sohn verscharren die Leiche notdürftig auf einer Müllkippe.

Noch immer ist es Nacht. Mutter und Sohn schlafen aneinander geschmiegt in einem Hotelzimmer. Am nächsten Tag tritt Layla ihren Job im Casino an. Von den Bewerbern für die niedrigen Jobs ist nur einer nicht schwarz. Eugene Pienaar (August Diehl) hofft auf eine Anstellung als Fahrer. Layla klappert in professioneller Sachlichkeit den vorgeschriebenen Fragenkatalog ab: Nehmen Sie Drogen? Sind Sie schon einmal mit dem Gesetz in Konflikt gekommen? Eugene reagiert ironisch, Layla kühl und abweisend, doch ihre Blicke bleiben winzige, aber entscheidende Momente zu lang ineinander verstrickt.

Eine Beziehung hat begonnen, deren fatale Wahrheit sich erst nach und nach herauskristallisiert. Laylas Auto ist in der Werkstatt, um den sie sonst überführenden Unfallschaden zu beheben. Eugene gabelt sie und Kane, den kleinen Sohn, auf der Landstraße auf und lädt sie zum Abendessen ins Haus seiner Mutter ein. Die wartet unruhig auf ihren untreuen Ehemann, und natürlich ist es jener, der nie wiederkommen wird, weil er Laylas Unfallopfer ist.

Ein Gewitter bricht herunter; die Alarmanlage schrillt los im abgelegen Haus von Eugenes Mutter, was diese sofort zur Flinte greifen und bizarre Unmengen von Schlössern, Gittern, Läden, Sperren, Verriegelungen und Verdunkelungen in Betrieb nehmen lässt.

Wir sind in einem totalitären Psycholand. Verunsicherung und Misstrauen vibrieren in jeder Faser, jedem Detail des Films, sodass manche Zuschauer bei der Vorführungen während der Berlinale offenbar geradezu genervt davon waren. Klaustrophobisch und fast gewalttätig ausweglos klammert der Film die zufällig aufeinandergetroffenen Protagonisten in einem Psychothriller aneinander. Die schwedisch-südafrikanische Regisseurin Pia Marais hat an der Berliner Filmhochschule studiert. Hier hat sie die spröde, jeglichen Illusionseffekten des klassischen Überwältigungskinos misstrauende Filmsprache gelernt. Doch im fast dokumentarisch wirkenden Realismus ihrer Narration entfaltet sich der unentrinnbare Sog des nahezu handlungsfreien Plots nur umso stärker. Der permanenten Angst der verunsicherten Weißen vor der nur notdürftig nach draußen gesperrten Bedrohung durch Überfälle und Armutskriminalität steht die Angst Laylas vor Aufdeckung ihrer Schuld gegenüber. Gesteigert wird die gnadenlos zugespitzte Gefühlshochspannung durch das Mutter-Sohn-Verhältnis. Kann das Kind seiner Mutter, der Mörderin, vertrauen? Kann es die Lüge aushalten, ohne die er seine Mutter verlieren würde?

Eine Auflösung ist unmöglich. Der dramaturgisch etwas unbefriedigende Schluss des Films – das Kind von der Mutter getrennt in einem Internat, Layla als Friseuse in Johannesburg – hat mich jedenfalls nicht davon befreit, noch Stunden später unter Strom zu stehen. In der Schlusseinstellung sieht Layla aus den Augenwinkeln in der Menschenmenge plötzlich Eugene. Verfolgt er sie aus Liebe oder aus Rache? Mit dem Lügendetektor wären die wahren Antworten nicht herauszufinden.

Layla Fourie D/ZA/F/NL 2013. Regie: Pia Marais, Drehbuch: Horst Markgraf, Pia Marais, Kamera: Andre Chemetoff, Darsteller: Rayna Campbell, August Diehl, Rapule Hendricks, Terry Norton u. a.; 105 Minuten, Farbe. FSK ab 12.