Zu den Konzerten im 1981 gegründeten Leningrader „Rock-Klub“ wurden nur so viele Gäste eingelassen, wie Stühle vorhanden waren. Wer auffällige Kleidung trug oder sich ungehörig betrug, war ohnehin chancenlos. Während der Konzerte patrouillierten Ordner durch die Sitzreihen und sortierten jene Zuhörer aus, die sich zu begeistert im Takt wiegten oder sonst irgendwie aus der Reihe tanzten.

Für die Musiker auf der Bühne herrschten ähnlich strenge Reglementierungen: Die einzelnen Stücke mussten mitsamt der Texte vorher eingereicht werden. Provokationen jeder Art waren selbstverständlich untersagt. Abweichungen von den Auflagen konnten die Karrieren für immer verbauen – oder weitaus Schlimmeres auslösen. Dass der KGB im Gebäude des Klubs eigene Büros unterhielt, war allgemein bekannt. Und doch drängelten sich zu jeder Show Aberhunderte Jugendliche am Einlass. Der „Rock-Klub“ war für sie eine der begehrtesten Adressen in der gesamten Sowjetunion. Denn nur hier ließen sich beliebte Bands hautnah erleben.

Der Druck ist enorm

Westlichen Zuschauern mögen die Milieu-Studien bisweilen überzeichnet erscheinen. Jeder in der DDR aufgewachsene Kinobesucher wird in Kirill Serebrennikows Spielfilm „Leto“ jedoch vieles wiedererkennen. Und dass in der Sowjetunion alles noch viel schlimmer sein musste als bei uns, war ja damals jedem klar. Die Handlung des Films setzt vor Gorbatschows Perestroika ein. Der Druck ist enorm, es deutet sich aber bereits an, dass die Situation mittelfristig nicht mehr zu halten sein wird.

Bald nach 1981 öffnen in Moskau und in den Sowjetrepubliken ähnliche Klubs, in Jugendmagazinen erscheinen Artikel über die internationale Rockszene, erste LPs mit eben noch verbotenen Bands werden gepresst. Halb war diese Öffnung wohl ein Versuch, die ungeheure Anspannung etwas zu entlasten, halb erhoffte man sich dadurch eine noch bessere Kontrolle – auch dies wie in der DDR. Doch die Eigendynamik des Rock’n’Roll wurde hier wie dort unterschätzt: Einmal in Gang gesetzt, ließen sich die Vibes nicht mehr aufhalten.

Kirill Serebrennikow wurde während der Dreharbeiten zu „Leto“ verhaftet, seine Büro- und Privaträume wurden auf den Kopf gestellt, Festplatten und Rechner beschlagnahmt. Unter dem Vorwurf der Veruntreuung von Fördergeldern verhängten die Behörden über den Theater- und Filmregisseur bis ins Jahr 2019 hinein Hausarrest. Trotz dieser Repressalien gelang es ihm, den Film fertigzustellen. Die letzten ausstehenden Szenen inszenierte er über das Mobiltelefon. Am Dienstag begann der Prozess gegen ihn. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass sein Film vom Aufbruch einer russischen Jugendbewegung vor knapp 40 Jahren erzählt. Wiederholt sich die Geschichte als Farce?

Kultisch verehrter Superstar

„Leto“ heißt Sommer. Aber nur ganz zu Beginn des Films gibt es ein paar Szenen, die das luftige, helle, ausgelassene Gefühl dieser Jahreszeit vermitteln. Vor den Toren der Stadt liegt der Strand der Ostsee. Hier treffen sich die jungen Leute, spielen sich gegenseitig Musik vor. Sie feiern, trinken, tanzen nackt durch die Wellen und springen durchs Lagerfeuer. Schon auf der Rückfahrt am nächsten Morgen holt sie der dunkelgraue Alltag wieder ein. Es wird später nur im Traum und im Rausch wieder richtig hell. Es regnet oft, man hält sich in Probenkellern, Hinterzimmern oder in überbevölkerten Kommunalka-Küchen auf. Zwischen zwei Männern und einer Frau entwickelt sich eine vielschichtige Beziehung, beruflich wie privat.

Wir durchleben mit ihnen das Auf und Ab im Kampf mit der Bürokratie, die Suche nach künstlerischer Identität, schließlich den musikalischen Durchbruch. Das Trio gab es wirklich. Mike Naumenko war Musiker der Bands Aquarium und Zoo-Park, der etwas jüngere Viktor Zoi gründete 1981 Kino und stieg zum veritablen Superstar auf, der noch heute kultisch verehrt wird. Auf der Autobiografie von Naumenkos Frau Natascha basieren große Teile des Films.

Iggy Pop und Blondie

Doch Serebrennikow liegt eine nostalgische Rekonstruktion der frühen 80er völlig fern. Er bricht immer wieder den Fluss der Handlung mit kunterbunten Einschüben auf – während der realistische Teil des Geschehens in strengem Schwarz-Weiß verbleibt. Quirlige Videoclips poppen auf, die Hits von Iggy Pop, Blondie, David Bowie oder Lou Reed in die späte Sowjetunion verlagern, teils mit russischen Texten.

Mehrfach tritt eine Art Harlekin oder Impresario aus der Szene und spricht direkt zum Publikum. Er weist darauf hin, dass es dies alles so nie gegeben hat. Der Film vermag trotz dieser Inkohärenzen durchweg zu fesseln. Serebrennikow beherrscht eben sein Handwerk, gerade weil er gezielt mit diesen Brüchen arbeitet. Er verweigert auch ein Happy End. Der Film endet noch vor der Machtübernahme Gorbatschows und den damit nun endlich gewährten Freiheiten. Knappe Schrifttafeln weisen darauf hin, dass beide männlichen Helden früh gestorben sind. Der Sommer war kurz. Doch seine Energie ist noch in der Welt.

Leto: Russland/Frankreich 2018. Regie: Kirill Serebrennikow, Darsteller: Teo Yoo, Irina Starshenbaum, Roman Bilyk u. a.; 128 Minuten, SchwarzWeiß und Farbe. FSK: ab 12 Jahre.