Mmmh, wie das Essen plötzlich duftet! Und erst der Geschmack! Saajan kann gar nicht fassen, welche kulinarischen Köstlichkeiten ihm da mit einem Mal von jenem Imbiss zugestellt werden, den er mit der Lieferung seines Mittagessens beauftragt hat. Saajan nämlich ist seit Längerem verwitwet, und keine Gattin versorgt ihn mehr in der Arbeitspause mit liebevoll bereiteter Hausfrauenkost, sondern eben ein kleines Straßenrestaurant.

Wie eine Witwe fühlt sich auch Ila. Und sie ist es, die das wohlriechende und leckere Essen schickt. Allerdings sollte es eigentlich ihren Ehemann erreichen, der sie sträflich vernachlässigt. Um seine Aufmerksamkeit zurückzugewinnen, legt sie sich am Herd mächtig ins Zeug. Versehentlich aber landet das geplante Liebesmahl bei Saajan – dem es bald schon auf vielerlei Weise gut zu tun beginnt. Was wiederum an Ila nicht spurlos vorübergeht.

Alles beginnt also mit einer Verwechslung. Einer Verwechslung, die eigentlich unmöglich ist. Denn die Fehlerquote der „Dabbawallas“ – jener etwa 5000 Lieferanten, die in der indischen Metropole Mumbai dafür sorgen, dass die berufstätigen Männer allmittäglich in den Genuss der Kochkünste ihrer Ehefrauen kommen – liegt bei erstaunlichen 1 zu 6 Millionen. Auf dieser irrwitzigen Unwahrscheinlichkeit einer Fehllieferung baut Ritesh Batras Film „Lunchbox“ auf, von ihr ausgehend erzählt er ein Märchen, das nicht nur davon handelt, wie die Liebe durch den Magen geht.

Ila und Saajan, die rasch feststellen, dass hier offenbar ein Irrtum vorliegt, klären diesen gegenüber den Dabbawallas nicht auf, sondern beginnen, die Lunchbox als Briefkasten zu nutzen. Eine Transportbewegung, die unterschiedliche Welten verknüpft und die Batra dazu nutzt, Einblicke in die jeweilige Lebenswirklichkeit seiner Protagonisten, in ihre Privatheit, zu gewähren. Kleine Zettelchen werden hin und her geschickt, Botschaften, mittels deren die beiden Fremden einander von sich erzählen und näher kommen. Der Fehler wird zur Fügung. Freundschaft entsteht. Und nicht nur fasst Ila den Mut, die unglückliche Situation ihrer Ehe zu verändern, Saajan, der eigentlich bloß darauf gewartet hatte, in Ruhestand zu gehen, freundet sich mit seinem jungen Nachfolger Shaikh an.

„Lunchbox“ nimmt auf vielerlei Weise für sich ein. Mit seinen eigenwilligen Figuren, seinem trockenen Humor, seinen quasi dokumentarischen Ausflügen in das Transportwesen Mumbais. Mit seinem subtil entwickelten Gefühlsreichtum, den nuanciert nachvollzogenen Gemütsveränderungen der Charaktere, der geduldigen Beobachtung ihrer sich wandelnden Beziehungen. Mit dem unbeschwerten Stil seiner Inszenierung, der nichts erzwingt, es sich dabei doch nicht leicht macht und dem immer wieder Momente der Wahrhaftigkeit gelingen. Vor allem aber ist da Irrfan Khan, der in der Rolle Saajans ein ungeheuer präzises Porträt der Einsamkeit liefert und alle an die Wand spielt. Nicht zuletzt läuft einem angesichts der von Ila zubereiteten Speisen das Wasser im Mund zusammen, hungrig sollte man sich diesen Film besser nicht ansehen.

Lunchbox (Dabba) Indien/F/D/USA 2013. Regie, Drehbuch: Ritesh Batra, Kamera: Michael Simmonds, Musik: Max Richter, Darsteller: Irrfan Khan, Nimrat Kaur, Nawazuddin Siddiqui u. a., 105 Minuten, Farbe, FSK o.A.