Im Spiel der Throne gewinnst du, oder du stirbst. Wie die Sache für „Maria Stuart, Königin von Schottland“ ausgehen wird, wird gleich zu Beginn dieses bemerkenswerten Films klar. Da landet sie, nachdem sie ihre ganze Kindheit und Jugend am Hofe Frankreichs verbracht hat, an der Westküste Schottlands, einem grimmigen Fleck Erde, der fortan ihre Heimat und ihr Königreich sein soll – und kotzt erstmal an den Strand.

Dieses Mädchen, gerade 18, aber schon verwitwet, kaum des Englischen mächtig, von der protestantischen Freudlosigkeit befremdet, in den Ränkespielen der Clans unbewandert und auch ansonsten überfordert mit all dem, was sie so alles sein soll – dieses Mädchen wird hier kein Glück finden. Und dann ist da noch das größte Problem von allen: Sie ist kein Mann.

Ein Lehrstück über die Übel der patriarchalischen Gesellschaft

Dass sie dies mit ihrer Tante gemein hat, die als Elisabeth I. auf dem Thron von England sitzt, macht die Situation nicht besser – und es ist genau diese Situation, die die Regisseurin Josie Rourke und den Drehbuchschreiber Beau Willimon am meisten interessiert an diesem historischen Stoff: Dass für einen Moment in der Frühen Neuzeit, zwischen 1542 und 1587, sowohl in England als auch in Schottland eine Frau regierte – und dass Männer dies naturgemäß unerträglich fanden und deshalb alles taten, um diesen Zustand so schnell wie möglich zu beenden.

Von daher ist die Geschichte, wiewohl mehr als 450 Jahre her, natürlich ganz auf der Höhe der Zeit. Das Drehbuch war zehn Jahre in Hollywood herumgereicht worden, ehe es bei Margot Robbie landete, die für die Rolle der Elisabeth entflammte. Nahezu zeitgleich mit dem Beginn der Dreharbeiten brach die MeToo-Debatte los. Man kann nur spekulieren, inwieweit sie davon beeinflusst wurden. Der Film sieht jedenfalls aus wie ein Lehrstück über die Übel der patriarchalischen Gesellschaft. Mittendrin: zwei ihrer berühmtesten Opfer.

Das Frausein muss aufgegeben werden

Er sieht im Übrigen sehr gut aus, dieser Film, der an Originalschauplätzen in Schottland gedreht worden ist, und auch die Kostüme wurden dem unleidlichen Umfeld angepasst: Statt auf den üblichen Pomp setzte man auf Grautöne und Wetterfestigkeit und den Umstand, dass man in Britannien im 16. Jahrhundert selbst als Hochwohlgeborener drinnen wie draußen Dreck, Feuchtigkeit und Kälte trotzen musste.

Und dann sind da noch die beiden fantastischen Hauptdarstellerinnen. Auf der einen Seite die Irin Saoirse Ronan, die nicht nur das korrekte Alter für die Rolle hat, sondern die Königin von Schottland auch altersgemäß darstellt: als störrischen, sprunghaften, beratungsresistenten Teenager, den alle mal können. Auf der anderen Seite Margot Robbie als Elisabeth I., eine verbitterte Paranoikerin, gezeichnet von den Verletzungen, die man erleidet, und von den Fallen, in die man tappt, wenn man als Frau in einer Männerwelt bestehen will. Der Preis dafür, so klagt sie während der einzigen Begegnung mit Maria, sei das Frausein aufzugeben und selbst zum Mann zu werden.

Männermörderin aus politischer Vernunft

Die Enttäuschungen und Zumutungen seitens der Männer prägen beider Frauen Schicksal. Auch Elisabeths selbstauferlegte Enthaltsamkeit, so suggeriert der Film, ist aus Frust und dem Umstand geboren, dass sie keinem Mann über den Weg traut. Maria wiederum findet ihren Ehemann Lord Darnley in der Hochzeitsnacht im Bett mit einem ihrer Höflinge. Später fällt Darnley einem Komplott zum Opfer, und Maria wird gezwungen, seinen Mörder zu heiraten, den Earl of Bothwell, den sie bis dahin für ihren Beschützer und engsten Vertrauten hielt.

Egal, welche Entscheidungen die beiden treffen – die Männer unterminieren sie. Marias fester Entschluss, einen Erben zu zeugen, obwohl ihr Mann dazu offensichtlich ungeeignet ist, erzürnt die protestantischen Eiferer, die sie der Sünde und der Fleischeslust bezichtigen. Als sie den Earl of Bothwell heiratet, aus vermeintlich politischer Vernunft, gilt sie als Männermörderin.

Das siegerlose Spiel der Throne

Elisabeth wiederum lässt mit ihrem Leben als „Virgin Queen“ die Tudor-Höflinge in London um ihre Pründe fürchten: Ohne Stammhalter fällt die englische Krone an die Stuarts und mutmaßlich an Maria. Dass sie katholisch ist, scheint da das kleinere Übel zu sein. Aber eine weitere Frau auf dem Thron wäre ein komplettes Unding. Und deshalb ist Maria Stuarts Schicksal lange besiegelt, bevor sie selbst, bevor aber auch Elisabeth erkennt, was die Stunde geschlagen hat.

So schreitet Maria am Ende zum Schafott, während im Gegenschnitt Elisabeth um den einzigen Menschen weint, der sie je verstand. Das ist ein bisschen dick aufgetragen, erzählt jedoch noch einmal die ganze Tragik dieser beiden Frauen, die von Männern daran gehindert wurden, zu sein, wer sie waren. Dieses Spiel der Throne hat keinen Sieger.