Es gibt keine guten Väter, sagt Sartre. Dass alle Brüder Idioten und alle Schwestern Nervensägen sind, wäre auch ein gutes Zitat. Aber mit Brüderchen und Schwesterchen haben sich die großen Philosophen weniger befasst, das war doch immer eher eine Sache für Märchen. Die wiederum mögen gern Psychologen. Vielleicht lässt sich Philip Grönings „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“ als ein Film beschreiben, in dem alles zusammenkommt.

Aber zitiert werden muss. Elena und Robert, vorgeblich Zwillinge, liegen im sommerlichen Gras und werfen sich Phrasen an den Kopf. Elena lernt für ihr Abi in Philosophie, Robert, Schulabbrecher mit exorbitantem Heidegger-Wissen, hilft ihr dabei. Was heißt das, dass sich das Sein in der Wahrheit lichtet? Und gibt es in der Gegenwart überhaupt eine Zeit? Das sind die existenziellen, also hochdringlichen Fragen, die der Film aber auch ganz physisch stellt, mit einer Laufzeit von fast drei Stunden.

Für Gröning, den 59-jährigen deutschen Filmemacher, bekannt für seine Klosterdokumentation „Die große Stille“, ist das normal. Die Suche nach der Wahrheit wird dem beobachtenden Sein, also dem Publikum, sofern es existiert, nicht eben leicht gemacht.

Bedrohtes Paradies

Einziger Schauplatz ist eine lichte Wiese am Waldrand vor einer Tankstelle, die nicht nur die wichtigsten Bedürfnisse deckt. Die Geschwister sind offenbar hier aufgewachsen. Einen Vater gibt es nicht und eine Mutter auch nicht, für zwei Jugendliche ist so ein Ort wohl das Paradies. Freilich ist es bedroht, was auch die etwas luftigen Zankereien der beiden erklärt. Mit dem Abitur in der Tasche und dem VW-Golf der unsichtbaren Eltern als Belohnung wird sich Elena davonmachen. Robert hat eine angedeutete Beziehung mit ihrer Mitschülerin, das kränkt ihre geschwisterlichen Gefühle.

Die gar nicht so latent erotische Komponente der fragilen Zwillingsbeziehung entlädt sich in Übersprungshandlungen. Elena quält einen Grashüpfer mit einem Chanson von Serge Gainsbourg, eine durchaus hübsche Szene. Mit einem kleinen Jungen, mit dem sie an den nahegelegenen See fahren, bilden sie eine kleine Ersatzfamilie. Denn sie wissen nicht, was sie tun ...

Im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale spaltete Grönings Film, wie man so schön sagt, das Publikum. Der eine Teil empfand den traumwandlerischen Umgang mit der Zeit als Zumutung und verließ vorzeitig den Saal. Der Rest war entzückt ob der sonnigen Naturbilder oder echauffierte sich über den Schluss. „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“ endet, das verrät mittlerweile auch der Trailer, mit einer Eruption der Gewalt. Blut fließt im Paradies, und der Filmemacher lädt ein, sich einen Reim darauf zu machen.

Wo Gewalt ihren Platz hat

Richtig zwingend ist er nämlich nicht, dieser Schluss. In „Die Frau des Polizisten“, Grönings letztem Film, war das noch anders. Auch diese Beziehungsstudie wollte man zwischendurch anstupsen, um zu schauen, ob sie noch lebt. Aber die Gewalt hatte ihren Platz, in den Verhältnissen und insbesondere der Vaterschaft, die Sartre eigentlich meinte mit seinem bösen Wort. Die Zwillingsgeschichte – in jedem Sinne – lässt diese Konsequenz vermissen. Was man im Sinne freien Filmemachens sogar begrüßen kann. Es rettet den Film aber nicht vor seiner Bedeutungsschwere, die den luftig leichten Bildern jedes Leben raubt.

Man erkennt in Elena und Robert, den Elternlosen, die Abkömmlinge eines ganzen Haufens traumseliger Delinquentenpärchen aus Film noir und Nouvelle Vague. Doch die Zeit mit ihnen ist eine Qual, das durchgängig geistesabwesende Schauspiel ein durchschaubarer Manierismus. Und die Philosophie? Nun, wenn Kollegen dem offenbar auch von Philip Gröning verehrten Heidegger gelegentlich vorwerfen, sein Existenzialismus – der Film macht daraus ein esoterisch angehauchtes „Carpe diem“, vielleicht gar nicht verkehrt – betrachte das Sein doch sehr von außen, hat man hier den Beweis. Letztlich ist „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“ natürlich wie sein Titel: Von außen gesehen interessant, von innen zu lang, am Anfang banal und am Ende bloße Behauptung.

Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot, Deutschland/Frankreich/Schweiz 2018. Buch und Regie: Philip Gröning. Darsteller: Julia Zange, Josef Mattes, Urs Jucker, Stefan Konarske u.a.; 172 Min., Farb, FSK: ohne Angabe.