Kaum hat sich das Mädchen früh morgens von seiner Tatamimatte erhoben, steht es auch schon mit einem fröhlichen Miso-Reis-Tofu-Lied – „Am Morgen wird ordentlich gegessen“ – auf den Lippen in der Küche und bereitet das Frühstück für die beiden jüngeren Schwestern, die Großmutter und die Untermieter zu. Zuvor hat es noch zwei Fahnen gehisst, mit denen sie von dem idyllisch auf einem Hügel über der Bucht von Yokohama gelegenen Haus aus vorbeifahrende Schiffe grüßt.

Die ersten Szenen aus „Der Mohnblumenberg“ des legendären japanischen Animationsstudios Ghibli sind eine leicht irritierende Lektion in Sachen gutgelaunter und geschlechtstypischer Pflichterfüllung. Später in der Schule wird die sorgende siebzehnjährige Umi auf den aufbegehrenden Schülerzeitungsredakteur Shun treffen, der mit gleichgesinnten Mitschülern dabei ist, Proteste gegen den Abriss des altmodischen Clubhauses zu organisieren. Die beiden Ungleichen verlieben sich auf scheue Weise ineinander und ahnen noch nichts von ihrer schicksalhaften Verbundenheit.

Für Ghibli-Studio-Verhältnisse, die Meisterwerke wie etwa „Nausicaä aus dem Tal der Winde“, „Prinzessin Mononoke“ oder den Bären- und Oscar-prämierten „Chihiros Reise ins Zauberland“ geschaffen haben, kommt „Der Mohnblumenberg“ ungewöhnlich realistisch daher. Er spielt im Japan des Jahres 1963, kurz bevor sich das Land mit der Ausrichtung der Olympiade wieder international öffnen will. Ging es in den Filmen von Altmeister Hayao Miyazaki meist um die Verwerfung zwischen Natur und Kultur, zwischen Technik und Fortschritt auf der einen, und der damit einhergehenden Zerstörung der Umwelt und der Traditionen auf der anderen Seite, problematisiert sein regieführender Sohn Goro Miyazaki in seinem auf einem Manga beruhenden Film nun das Verhältnis zwischen Vergangenheit und Zukunft einer Nation. Denn der Abriss des Clubhauses, welches einem olympiabedingten Neubau weichen soll, steht symbolisch für den Umgang mit der Vergangenheit. Nichts soll mehr an den Krieg erinnern. Allein Umi kann und will die Vergangenheit nicht ruhen lassen, ihr morgendliches Fahnenritual hat eine tiefere Bedeutung. Sie gedenkt damit ihres Vaters, der im Koreakrieg gefallen ist. Für sie hat der von den rebellischen Schülern zum Slogan erhobene Satz „Keine Zukunft ohne Geschichte“ mithin eine sehr persönliche Bedeutung. Wie wichtig, aber auch schmerzhaft das Wissen um die eigene Geschichte sein kann, werden Umi und Shun noch erfahren müssen. Ein Familiengeheimnis verbindet die beiden.

Ganz und gar nicht dunkel ist der Anschein des klassisch animierten Trickfilms. Auf schönste Weise der Ghibli-Tradition verpflichtet, leuchtet „Der Mohnblumenberg“ in den herrlichsten Farben und entwirft die wunderbarsten Architekturen. Besonders das leicht heruntergekommene Clubhaus, in der Art einer viktorianischen Holzvilla, ist in seiner detailverliebten Unübersichtlichkeit ein wahrer Sehnsuchtsort. Zumindest, und das eben trübt das Vergnügen, für den männlichen Teil der Schülerschaft.

Der Mohnblumenberg Japan 2011. Regie: Goro Miyazaki; Drehbuch: Hayao Miyazaki; 91 Minuten, Farbe, FSK o. A.