Aaah, was habe sie den Sex nicht genossen, damals als sehr junge Frau! Es habe sich angefühlt, als ob sie auf Wolken segeln würde, so schwärmt Philomena Lee. Und damit hat Martin Sixsmith nun wirklich nicht gerechnet: Dass diese alte Frau sich so offen und anschaulich auszudrücken weiß. Für ihn war Mrs. Smith bislang nur eine Rentnerin von vielen, ungebildet und mit geringen Einkünften. Vollkommen uninteressant also, weit unter seinem sonstigen Umgang.

Dank wohlkonservierter Vorurteile hat Martin, der intelligente und teilzynische BBC-Fernsehjournalist, sich auch gar nicht erst die Mühe gemacht, hinter Philomenas Fassade aus onduliertem Haar, vernünftigen Schuhen und zeitlosen Mänteln zu schauen. Und nur weil er gerade arbeitslos geworden ist, als politisches Bauernopfer entlassen, hat er den Job übernommen, sich Philomenas Geschichte erzählen zu lassen. Um den Karriereknick auszumerzen, will er irgend etwas daraus machen, eine Story, ein Buch.

Dieses Buch und seinen Autor gibt es tatsächlich. Und ebenso Philomena Lee: Die Irin besuchte die Dreharbeiten zu Stephen Frears neuem Film „Philomena“, der auf dem Sachbuch von Martin Sixsmith beruht. Wobei der Mann damals noch nicht ahnte, wie die Arbeit daran sein Leben verändern würde. Denkbar ist, dass auch der Kinozuschauer verändert, nämlich grundlegend erfrischt und ethisch durchgerüttelt aus diesem Film kommen wird. Denn diese Philomena reiht sich mit ihren grauen Löckchen ebenso würdig wie glanzvoll ein in jene Reihe bemerkenswerter Frauenporträts, die der britische Regisseur bislang für die Leinwand geschaffen hat.

Helen Mirren in „The Queen“, Gemma Arterton in „Immer Drama um Tamara“, Michelle Pfeiffer in „Chérie“ oder jetzt die fabelhafte Judi Dench in „Philomena“ – all diese Filme und Schauspielerinnen machten etwas sichtbar in der jeweiligen Frauenrolle, das über sie hinauswies. In Mirrens Queen erkannte man auch ein in seiner Handlungsfähigkeit gelähmtes, vom Zeitlauf überrolltes Familienoberhaupt; in Artertons Tamara ein freches junges Ding, das sich selbst durchs Chaos der Gefühle dirigiert. Und Pfeiffers Kurtisane Léa de Lonval war eine alternde Frau, die ihre Lebensstrategie überdenken musste.

Spaß am Sex für Frauen nicht vorgesehen

In Philomena begegnet man nun einer selbstbewussten, lebensbejahenden 70-Jährigen aus einfachen Verhältnissen, die zum Ausgang ihres Lebens die Hoheit über ihre Vergangenheit zu gewinnen sucht. Hier liegt das Trauma einer Existenz verborgen, der das Muntere wohl immer wieder abgerungen werden musste. Spaß am Sex war für Frauen nämlich nicht vorgesehen in Philomenas Jugend, und dass 17-jährige Irinnen unverheiratet schwanger wurden, erst recht nicht. Es geschah aber; solche jungen Frauen und andere, ebenfalls „störende“ wurden oft in katholische Heime abgeschoben, wo sie von den Nonnen tyrannisiert, zur Fronarbeit gezwungen und ihrer Kinder beraubt wurden.

Dieses Kapitel in der Geschichte der katholischen Kirche wurde lange Zeit beschwiegen, bis betroffene Irinnen in den 1990er-Jahren damit an die Öffentlichkeit gingen. Misshandlung, Missbrauch und fahrlässige Tötung durch die Ordensschwestern und Priester in solchen Heimen sind dem Kinopublikum spätestens seit Peter Mullans preisgekröntem Drama „Die unbarmherzigen Schwestern“ bekannt. Stephen Frears zeigt nun in Rückblenden, die die Komik eines ungleichen Protagonistenpaars sorgfältig mit der Tragik einer individuellen Biografie balancieren, was Philomena erleiden musste: Wie vielen anderen jungen Müttern nahmen ihr die Nonnen das Kind weg, um es an wohlhabende Paare in den USA zu verkaufen. Die alte Philomena macht sich nun gemeinsam mit Martin Sixsmith auf, um nach dem ihr genommenen Sohn zu suchen.

Und diese Reise birgt viele Überraschungen, zumal für den Zuschauer, denn „Philomena“ ist ein phänomenaler Mix aus verdrehter Kumpelgeschichte, Dramödie und Reiseabenteuer, der wesentlich von der Kunst seiner Hauptdarsteller getragen wird. Judi Dench hält als resolute Seniorin dem Snobismus von Steve Coogans Martin so souverän stand, wie es nur in einem britischen Film möglich ist. Haltungen geraten hier aneinander, ohne dass sie rechthaberisch gegeneinander ausgespielt werden, vor allem Philomenas tiefe Religiosität und Martins Skeptizismus, ihre Lebenserfahrung und sein Akademikertum. Umwerfend die Aufgeregtheit der alten Dame vor der Reise: Was, wenn ihr Sohn nun – Gott bewahre! – ein Säufer oder gar fettleibig ist! Er ist dann aber nur „ein schwuler Homosexueller“.

„Ich mache nicht in ,menschliche’ Geschichten“, hat Martin anfangs der Frau beschieden, die ihn mit ihrer Mutter Philomena bekannt machen wollte. Wie dann während einer Reise, die von London nach Irland und in die USA führt, aus der Notgemeinschaft zweier Menschen, von denen der eine einen Job braucht und die andere eine Lebenserklärung, eine Art Freundschaft wird, samt entsprechender Genervtheiten – das ist Kinokunst: Sensibel und aufklärerisch, ohne aufzutrumpfen.