Die beiden sind ein tolles Paar. Alvin ist eher der schweigsame und pflichtbewusste Langweiler, Lance der redselige und halbstarke Leichtfuß. Auf den endlosen und verschlungen Straßen von Texas werden sie sich streiten, prügeln, fluchen, schweigen, feiern und trinken. Sie werden sich verändern. So ist es eigentlich bei jedem Roadmovie seit „Easy Rider“ (1969), und so geschieht es auch in David Gordon Greens „Prince Avalanche“ – ohne wirkliches Happy End oder dessen Gegenteil. Zu einem guten Straßenfilm gehört der offen Ausgang, weil der Weg das Ziel ist.

Und so folgen Alvin und Lance erst einmal den Gesetzen des Genres. Eigentlich ist die Straße eine elend abgegriffene Metapher für den Pfad der Selbstfindung, für die Heilung von zivilisationsgeschädigten, kindheitstraumatisierten oder modernisierungsgestressten Individuen. Doch obwohl uns auch „Prince Avalanche“ in weit entfernte, menschheitsferne Lebenswelten führt, gelingen dem Film bemerkenswerte Einsichten, und das hat vor allem mit seiner feuerverwüsteten Kulisse zu tun. Die Handlung spielt 1988, ein Jahr nach den verheerenden Großbrände in den texanischen Wäldern. Baumskelette prägen das Bild.

Vor diesem tristen Hintergrund beginnt die Geschichte. In den Eröffnungssequenzen zeigt Green zum Himmel hoch schlagenden Flammensäulen. Nach dem Inferno begibt sich der Straßenarbeiter Alvin (Paul Rudd) auf seinen Weg. Die Fahrbahnmarkierungen müssen erneuert werden, ein eintöniger, einsamer Job, genau das Richtige für den Eigenbrötler. Allerdings hat er Lance (Emile Hirsch) mit auf die Reise genommen, den jüngeren Bruder seiner Freundin. Und der beginnt bald, gehörig zu stören.

Den pubertierenden Lance plagen Frauenprobleme, in der Einsamkeit wächst sein Begehren ins Unermessliche, und zugleich ist er dem anderen Geschlecht gegenüber tief verunsichert. Darüber spricht er so unermüdlich wie offenherzig. Alvin glaubt das alles schon hinter sich zu haben. Er ist fest liiert und spart für die Gründung einer Familie. Zu seiner Zukunftsvorsorge gehört, dass er sich fortbildet – während der Straßenarbeiten plärrt ein Sprachlehrgang aus dem Kassettenrekorder. Alvin angelt und zeltet in der Einöde, hier findet er sich bestens zurecht.

Doch als seine Freundin am Telefon mit ihm Schluss macht – schließlich sei er nie da –, bricht sein Lebensentwurf in sich zusammen. Jetzt kommt Lance endlich zum Zuge und erteilt dem Älteren eine Lektion. Soweit die dann doch absehbare Geschichte dieses Roadmovies. Besonders wird es durch die Naturkulisse. Hier kam Green ein tragischer Zufall zur Hilfe: Der Regisseur konnte seinen Film kurz nach den verheerenden Waldbränden im Bastrop County drehen, einer zur texanischen Hauptstadt Austin gehörenden Region. „Prince Avalanche“ hat insofern semidokumentarischen Charakter – und verwandelt sich dabei unversehens in eine Gespenstergeschichte.

Zu sehen sind etwa einige der bis auf die Grundmauern niedergebrannten Häuser. Und Menschen, die in den Überresten nach ihren Habseligkeiten suchen. Sie bleiben namenlos, sind eigentlich keine Schauspieler wie Rudd und Hirsch oder der großartige Lance LeGault, der hier in seiner letzten Rolle zu sehen ist (er starb 2012, ihm ist der Film auch gewidmet). Eine alte Frau zum Beispiel, Alvin trifft sie, als er einmal durch die Wälder streift. Mit einer kleinen Schaufel gräbt sie in der Asche ihres einstigen Heims, nebenan stehen weitere Ruinen, Zeugnisse abrupt unterbrochener Lebens. Es ist, als befände sich Alvin in einer Geisterstadt; plötzlich fängt er an zu spielen und tut so, als seien die Häuser wieder belebt.

Das ist nicht der einzige surreale Moment, eine merkwürdige Mischung aus Realität und Fiktion, die sich zu keiner trostspendenden Geschichte fügt. Vielleicht wollte sich David Gordon Green mit dieser Independent-Produktion an seine filmischen Anfänge herantasten. Das Dokumentarische verleiht seinem Film jedenfalls etwas Gespensterhaftes. Alle Realitätspartikel erweisen sich als vorübergehende Erscheinungen; die alte Frau etwa taucht immer wieder auf, doch ob sie tatsächlich oder nur in Alvins oder Lances Einbildung existiert, bleibt ungeklärt.

Damit ruft Green eine alte Wahrheit des Mediums Film in Erinnerung: Die Realität ist nur eine Fiktion, eine immer wiederkehrende und sogar unverzichtbare, aber auf Dauer nicht aufrecht zu erhaltende Täuschung.

Genau in diesem Vexierspiel zwischen Täuschung und Enttäuschung besteht der Reiz von „Prince Avalanche“, der auf der Berlinale 2013 vollkommen zu Recht den Silbernen Bären für die beste Regiearbeit erhielt. Und das möchten wir nicht als Anerkennung für ein semi-dokumentarisches Roadmovie, sondern für ein dokumentaristisches Experiment mit Geistereinlage verstehen.

Prince Avalanche USA 2013. Regie: David Gordon Green, Drehbuch: David Gordon Green, Hafsteinn Gunnar Sigurðsson, Kamera: Tim Orr, Darsteller: Paul Rudd, Emile Hirsch u..a.; 94 Minuten, Farbe. FSK ab 6.