Der junge Mann mit der schmutzig- blonden Dauerwelle tappt in eine Falle, das ist vom ersten Moment an klar. Gestrandet auf einem Gehöft, irgendwo in der kanadischen Einöde, ein paar Autostunden von Montreal entfernt. Kühe stehen im Stall, das Haus ist offen, niemand ist zu sehen. Der Mann setzt sich an den Küchentisch, schläft ein. Als er aufwacht steht eine Figur im Türrahmen, formlos wie ein Mantel, der über einen Kleiderständer geworfen wurde. Es ist die Mutter seines toten Freundes. Der junge Mann ist zur Beerdigung gekommen, niemand hat ihn erwartet.

„Sag nicht, wer du bist“ ist Xavier Dolans erster Film, der sich aus den Habitaten der Großstädter entfernt – weg von den Dekors ihrer Wohnungen, ihren Popsongs, ihrem ausgesuchten Style, ihren Liebesgeschichten, die so selten Lieben sind.

Mit „Laurence Anyways“ hatte der franko-kanadische Regisseur im Jahr 2012 das Epos einer Transformation geschaffen, betörend schön und voll der eklektizistischen Bilderflut, für die er bekannt ist.

Film-Noir-typisches Zwielicht

Xavier Dolan, als Schauspieler wie Regisseur doppelt begabt, ist erst 25 Jahre alt und gilt im Filmbusiness als Wunderkind. Sein jüngstes Werk „Mommy“ wurde dieses Jahr auf dem Filmfestival in Cannes gefeiert. Wie auch im ersten Film, mit den Dolan bekannt wurde („I killed my Mother“) geht es um eine Mutter-Sohn-Beziehung, überfrachtet und gefährdet, wie alle Beziehungen, die allzu allein gelassen sind. Die Mutter in „Mommy“ muss mit ihrer prekären Existenz und einem schwer an ADHS leidenden Teenager zurecht kommen.

„Sag nicht, wer du bist“ sei ein eingeschobener Film, sagt Dolan. Ein Nebenprojekt zwischen den drei großen Erzählungen über die Liebe. Was er kokett als Fingerübung abtut, ist ein weiterer Beweis seiner immensen Begabung. Der Kandier Xavier Dolan kann auch Genre – und zwar so, dass man ihn sieht in diesem Film, egal ob er selbst mitspielt oder nicht. „Sag nicht, wer du bist“ ist ein Thriller im Film-noir-typischen Zwielicht und dabei unverkennbar Dolan.

Da ist – natürlich – die Mutter. Agathe (Lise Roy), eine statuarische Frau, die nur einen ihrer beiden Söhne liebt, den toten. Der andere, Francis (Pierre-Yves Cardinal), schmeißt den Hof. Ein Kerl von brutaler Vitalität, der bald beginnt, den Fremden zu bedrohen. Was verbindet den Blonden aus der Stadt, der angibt, dort in der Werbung zu arbeiten, mit dem rustikalen Psychopathen? Was verband den Blonden mit dessen Bruder? Offenbar weiß der Bauer Francis Bescheid über beider Homosexualität. Die Mutter glaubt an eine Freundin, die ihr einst präsentiert wurde.

„Bevor ein Homosexueller zu lieben lernt, lernt er zu lügen“, schreibt der Drehbuchautor Michel Marc Bouchard, von dem auch das dem Film zugrunde liegende Theaterstück stammt. Der Bauer und der Fremdling inszenieren eine Komödie für die Mutter. Sie soll nicht merken, was gespielt wird, und als sie es dann doch merkt, muss sie verschwinden.

Dolan zieht den Zuschauer in ein faszinierendes Verwirrspiel hinein, bei dem nie klar wird, wer über welches Wissen verfügt. Erzählt wird aus der Perspektive des Fremdlings, der sowohl Komplize des Täters als auch dessen Opfer ist. Eine Geisel mit Stockholm-Syndrom. Sie identifiziert sich mit dem Angreifer, begehrt ihn gar, versäumt die wenigen Möglichkeiten der Flucht. Eine geschlossene Festung ist dieser Bauernhof, nicht einmal der Postbote will ihn betreten. Der Hof ist geografisch und sozial vollkommen isoliert und von erbarmungsloser Hässlichkeit. Zweckdienliche Hallen und Ställe draußen. Die Küche ist ein Funktionsraum in schlammigem Grün und Braun. Farben, die auch die Figuren überziehen. Die Musik von Gabriel Yared öffnet die Kammerspiel-Enge mit an- und abschwellenden Clustern: Suggestiv, aber auch unabhängig, kein Sound zur Stimmungsverstärkung, sondern eine Komposition.

Mit Francis hat Dolan eine Verbrecherfigur geschaffen, die in den Reihen der Kino-Psychopathen sicher einen besonderen Platz einnimmt. Ein Bauer, der sich in der Scheune Koks reinzieht. Der mit dem Blonden einen Tango tanzt. Dessen sexueller Sadismus unter den jungen Frauen der Gegend berüchtigt ist. Dessen Gewalttaten einen jungen Mann entstellt haben – so sehr, dass der sein Gesicht nicht mehr zeigt. Es ist mutig, mit solch einer Figur zu hantieren, sie nicht auf eine Horror-Charge zu reduzieren, sondern ihr den Aspekt des Verführers zu lassen. Man könnte nun die üblichen Verdächtigen anbringen: Jean Genet, Fassbinder, und was den Thrill angeht – Hitchcock. Dolan behauptet, er habe nie einen Film von Hitchcock gesehen.