Diese Hochhaussiedlung könnte überall zu finden sein, in Berlin, Hamburg, München oder Stuttgart. Die Anmutung ist trostlos, ganz so, als hätten schon die Architekten unter Depressionen gelitten. Wie sollen da die Bewohner nicht der Krankheit anheimfallen? Zumal sie zu den sogenannten Verlierern einer gnadenlosen Selbstoptimierungs- und Vermarktungsgesellschaft zählen. Aber Sascha gibt sich damit nicht zufrieden. In einem Viertel ohne Träume hat das Mädchen, wie es sagt, genau zwei: Erstens den Stiefvater töten, zweitens ein Buch über die Mutter schreiben, „eine hirnlose Rothaarige, die noch leben würde, wenn sie auf ihre klügere Tochter gehört hätte“. Saschas Stiefvater sitzt im Gefängnis, denn er hat Saschas Mutter erschossen, während die Kinder neben ihr standen.

Zu formulieren, dass Sascha schon einiges durchgemacht hätte mit ihren 17 Jahren, wäre leichtfertig untertrieben. Die Schriftstellerin Alina Bronsky meidet solche albernen Phrasen denn auch in ihrem Roman „Scherbenpark“, den Bettina Blümner nun fürs Kino adaptiert hat. Die Regisseurin wurde durch den Dokumentarfilm „Prinzessinnenbad“ bekannt, in dem sie drei 15-jährige Kreuzberger Gören, Freundinnen, erfrischend unsentimental porträtierte. Und auch in Blümners neuem Film steht nun also eine junge Frau an der Schwelle zum Erwachsenenleben im Zentrum. Wobei diese Sascha nicht allein durch das Trauma der miterlebten Gewalttat zu einem besonderen Fall von Außenseitertum verdammt scheint. Sie ist zudem auch noch Migrantin, Russlanddeutsche in einem Hartz-IV-Ghetto, in dem sich viele einfach nehmen, was sie wollen. Klamotten, Handys, Sex.

Filme über gesellschaftliche Randgruppen zählen gleichermaßen zu den ambitioniertesten wie schwierigsten Projekten im deutschen Kino. Manchmal trüben Solidarität und Verständnis den Blick, manchmal Härte und Objektivität. Im Fall von „Scherbenpark“ ist indes von Beginn an klar, auf wessen Seite die Regie steht. Und wie könnte man auch nicht auf Seiten einer Heldin sein, die sich mit aller Kraft herausarbeiten will aus dem Außenseitertum, die zäh und verzweifelt um Teilhabe ringt an einer Gesellschaft, die ihr den Platz schon zugewiesen zu haben glaubt. Jasna Fritzi Bauer verkörpert Sascha, und dass diese junge Schauspielerin glänzend imstande ist, eine Filmfigur aus dem entropischen Universum der sogenannten Unterschicht herauszulösen und ihr Individualität zu verleihen, beweist sie hier.

Denn es ist für einen Darsteller ebenso schwer, gegen prekäre Verhältnisse anzuspielen, wie für eine Filmfigur, ihnen standzuhalten. „Mein Leben ist schon die Hölle“, entgegnet die verbitterte, hochgradig sarkastische Sascha einem Jungen, der ihr zu drohen versucht. In ihrem Viertel rauchen schwangere Teenager, während die arbeitslosen Eltern nicht wissen, wohin mit sich. Die Tante, die die Waisenkinder aufnahm, meint es gut; sie bekommt aber dennoch den ganzen ungerichteten Zorn ihrer Nichte Sascha auf die Welt und das Leben zu spüren. Darum, dass Sascha wieder zu leben anfangen muss nach diesem traumatischen Todesfall, geht es letztlich in „Scherbenpark“.

Und so enthält dieser sehr vital und nah an den Realitäten fotografierte und geschnittene Film auch eine Anweisung zur Selbstermächtigung. Ein Zeitungsartikel über den Mörder ihrer Mutter bringt Sascha schließlich in so große Wut, dass sie sich an den Verleger (Ulrich Noethen) wendet, der sie zeitweise aufnimmt. Die Konfrontation zweier grundverschiedener sozialer Milieus findet sich nicht eben häufig im deutschen Kino. Hier werden nun die Unterschiede zwischen der Ghettogöre und den gehobenen Bildungsbürgern ein wenig überformt vom guten Willen des Verlegers und der Zuneigung, die dessen Sohn – ein „Scheiß-Scheidungskind“ – für Sascha entwickelt. Der erste Sex in einem Nebengelass des schicken Passivhauses ist indes mit großem Humor inszeniert. Rotzig, verletzlich, stark, all das ist Sascha. Und lernfähig: „Ich dachte immer, dass ich im Kopf schon erwachsen bin, aber ich bin noch nicht so weit“, sagt sie zum Ende hin.

Scherbenpark Dtl. 2013. Regie: Bettina Blümner, Drehbuch: Katharina Kress, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Alina Bronsky, Kamera: Mathias Schöningh, Darsteller: Jasna Fritzi Bauer, Ulrich Noethen, Vladimir Burlakov u.a.; 94 Minuten, Farbe. FSK ab 12.