Oft trifft sich die Familie nicht mehr am Küchentisch: Debbie Honeywood als Pflegekraft Abby und Rhys Stone in der Rolle des halbwüchsigen Sohnes.
Foto: Joss Barratt 

Berlin  Die Wendung vom „stressgeplagten Manager“ hat man lange nicht mehr gehört. Dabei sind die armen Teufel überall. Man muss nur hinsehen: Sie fahren unsere Pakete aus, pflegen die Kranken und Alten, machen sauber. Als Voll- oder Teilzeitarbeiter, Multi- oder Minijobber managen sie sich selbst, jeder eine Ich-AG, auch wenn die Selbstständigkeit meist nur auf dem Papier besteht. Die Bezahlung auf dem Niedriglohnsektor ist, wie der Name sagt, kaum der Rede wert. Aber vor allem haben sie, davon erzählt Ken Loach in jeder Sekunde seines neuen Films, enormen Stress.

Wie es Ricky (Kris Hitchen) im Kurierdienst ergehen wird, macht Paul Lavertys Drehbuch in den ersten Minuten klar. Du arbeitest nicht für uns, sondern mit uns, diktiert der Boss des Lieferdiensts seiner neuen Kraft, er ist hier schließlich kein Angestellter, sondern Unternehmer. Als solcher bekommt er natürlich keinen Lieferwagen gestellt, sondern darf, gegen Kaution, einen mieten. Man gibt ihm einen sündteuren digitalen Routenplaner, zu ersetzen bei Verlust.

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Der steinige Weg zur Selbstverwirklichung

Die tatsächlichen und drohenden Kosten seiner neuen Arbeit lassen Rickys Traum vom besseren Leben im Grunde platzen, bevor er überhaupt begonnen hat. Doch er klammert sich weiter daran, er will mietfrei wohnen im Eigenheim mit seiner kleinen Familie, sein eigener Herr sein. Dafür nimmt er in Kauf, was fortan seinen Tag bestimmt: extralange Schichten, kaum Pausen, Parkplatzprobleme, renitente Kunden – eben das Leben eines Lieferboten. Von solchen Leben zu erzählen, ist seit über fünf Jahrzehnten der Job von Ken Loach.

Der britische Filmemacher ist jetzt 83, eigentlich sollte er längst in Rente sein, zumindest in Teilzeitrente. Aber ein anderer macht es ja nicht. „Sorry We Missed You“ ist wie der Vorgänger „Ich, Daniel Blake“, vor vier Jahren Sensationsgewinner in Cannes, im nordenglischen Newcastle angesiedelt. Auch zu früheren Filmen gibt es viele Parallelen. Es stimmt, dass sich Loach als Anwalt der sozial Benachteiligten, der Arbeitslosen und Working Poor nicht immerzu neu erfindet.

Und doch gelingt es ihm auch dieses Mal, die neueren Entwicklungen – hier die Digitalisierung der Arbeitswelt – aufzugreifen und diese in einen sozialen Kontext zu betten, der uns deren Folgen anschaulich macht. Der glücklose Ricky ist seit langem wieder ein Loach-Held, der eine Familie hat. Allerdings bekommt sie sich selten zu sehen. Während der Vater seine Runden dreht, ist seine Frau Abby (Debbie Honeywood) als ambulante Pflegerin unterwegs.

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Warmherziges Porträt der Dienstleistungsklasse

Um Rickys Lieferwagen zu finanzieren, mussten das Familienauto aufgeben werden, und sie nimmt bis in die entlegensten Winkel der Stadt den Bus. Unter den daraus resultierenden Fehlzeiten leiden nicht nur ihre Patienten, sondern auch der Sohn im Teenageralter, die jüngere Tochter und vor allem sie selbst. Für Humor ist nicht mehr viel Platz in diesem wie immer warmherzigen, aber auch ganz nüchternen Porträt der neuen Dienstleistungsklasse.

Einmal gerät Ricky in einen launigen Disput mit einem Kunden im Trikot des Fußballclubs Newcastle United. Er selbst trägt eines von Manchester United, er stammt von dort. Doch wenn man ehrlich ist, war Humor im Schaffen von Ken Loach nie mehr als das Luftholen vor dem nächsten Schlag. So auch hier. Und die viel gerühmte Solidarität? Noch in „Ich, Daniel Blake“ konnte man sich daran festhalten, dass die Menschen einander helfen, sich im Kampf mit einem unerbittlichen System nicht alleinlassen.

Es ist nicht mehr viel davon übrig. Eine betagte Patientin zeigt Abby Fotos vom Bergarbeiterstreik der Jahre 1984/85, eine selige Erinnerung alter Leute. Sie selbst hat nur Bilder des Hauses, das die Familie verloren hat, damals in der Finanzkrise. Geplatzte Kredite, geplatzte Träume. An diese Stelle gehört der Hinweis, dass nicht alle Kurier- und Pflegeanbieter ihre Mitarbeiter schamlos ausbeuten wie die Subunternehmen im Film. Doch das ist nicht Sache von Ken Loach.

Sichtbar nah am Alltag

Auch das Argument von Rickys Boss, an allem sei nur der Kunde schuld, dürfte er kaum teilen. In aller Konsequenz hat er seit jeher die Mechanismen aufgezeigt, die das arbeitende Individuum zum ausbeutbaren Subjekt degradieren. Jeden Schritt von den alten Anstellungsverhältnissen zur heutigen „Gig Economy“ hat er in seinen Filmen nachvollzogen und oft genug – für die breite Masse – vorhergesagt. Der Konkurrenzdruck war immer der wichtigste Hebel.

Noch nie allerdings war der Regisseur dabei so nah am sichtbaren Alltag. Wer Paketlieferer Ricky und Pflegerin Abby dort demnächst begegnet, weiß nun etwas besser Bescheid. Eine kleine Zuwendung ist sicher angebracht. Doch wer in Ken Loachs neuem Meisterstreich nach echter Solidarität sucht, findet sie tatsächlich nur in der Tätigkeit der vielen kleinen Helfer, die uns den Laden am Laufen halten. In einer schönen, traurigen Szene kämmt Abby einer Demenzpatientin die Haare, weil die das so gern hat. Spoiler: Das geht alles von ihrer Zeit ab.

Sorry We Missed You Großbritannien, Frankreich, Belgien 2018. Regie: Ken Loach, Drehbuch: Paul Laverty, Darsteller: Kris Hitchen, Debbie Honeywood u.a.; 100 Min., Farbe. FSK ab 12.