Szene aus dem Film „Space Dogs“
Foto:  Raumzeit

Am 3. November 1957 wurde sie halb drei Uhr früh vom Kosmodrom Baikonur aus ins All geschossen und trat an Bord von Sputnik II in die Erdumlaufbahn ein; sieben Stunden später war sie tot. Weltraumhündin Laika, ungefragte Pionierin, Heldin wider Willen, ist die graue Eminenz im Hintergrund dieser Filmerzählung, die mythische Urahnin der Vierbeiner, von denen „Space Dogs“ unter anderem handelt. Laika war ein schlichter Straßenköter, der in Moskau eingefangen worden war, und Alexey Serebryakovs Erzählerstimme, der man wohlig lauscht, stellt den Zusammenhang her zwischen ihr und den Hunden, die heute dort in Rudeln durch die Straßen ziehen.

Es sind mehr oder minder lose Zusammenrottungen, aus denen Elsa Kremser und Levin Peter zwei Rüden herausheben: Der eine ist schon etwas älter, mal mehr mal weniger stark lahmend, schnell übel gestimmt, im Zweifelsfall fletscht er die Zähne und schnappt, dann kracht es hörbar auf der Tonspur; der jüngere hat Schlappohren (aufgrund derer er Laika sogar ein bisschen ähnlich sieht), Fellhosen an den Hinterläufen, einen hochbeinigen, federnden Gang, und er vertreibt sich die Zeit mit dem Auslösen von Autoalarmen und dem Zerbeißen von Luftballons. 

Es habe eine Weile gedauert, so Kremser und Peter, bis sich ein Hunderudel ihnen gegenüber friedlich und kooperativ genug zeigte, um es mit der Kamera verfolgen zu können. Einer Kamera, die es Yunus Roy Imer mittels ihres speziellen Stabilisierungssystems erlaubte, in Augenhöhe der Hunde zu drehen. Manchmal ist diese Kamera so nah dran, dass der Eindruck entsteht, sie sei ein weiterer Hund, und man selbst würde durch dessen Augen sehen und also dazugehören. Anthropomorphisierende Anwandlungen aller Art werden einem jedoch zügig ausgetrieben; Hunde zerbeißen eben nicht nur Luftballons, und mit Moskowiter Straßenkötern ist mitunter nicht gut Kirschen essen.

Archivmaterial zum Schicksal von Laikas Artgenossen

Also findet man sich zurückgeworfen auf die Zuschauerperspektive und sieht, wie das Hundetier bei strömendem Regen kein trockenes Plätzchen findet. Und beobachtet, wie mit Hilfe dieser höchst kunstvoll geführten Kamera der Überlebenskampf einer wesensmäßig fremden Kreatur in einer menschengemachten Welt dokumentiert wird. Aus dieser Distanz holt einen dann wiederum die Stimme aus dem Off heraus, die das zwischenmontierte Archivmaterial erläutert, welches das Schicksal von Laikas Artgenossen im russischen Raumfahrtprogramm der späten 1950er Jahre beleuchtet - denn sie war nicht die letzte, die den Boden unter den Pfoten verlor.

Eigentlich kommt diese Stimme aus dem Off von oben, genauer: aus dem Weltraum, und sie scheint Sinn zu stiften im zunehmend unübersichtlicher werdenden Bedeutungsfeld, das sich zwischen Hund und Wissenschaft, All und Erde aufspannt. Die Stimme eines gelassenen Gottes, dem jede Kreatur gleichermaßen am Herzen liegt? Es erscheint aber der Mensch in der Welt der Hunde als Mad Scientist, als unberechenbare Bedrohung, als mörderische Gefahr. Der Blick der Kreatur, den „Space Dogs“ so wundersam nachvollzieht, ist weder begriffslos noch schließt er das Treiben der Menschen aus. Es bleibt ihm nur unverständlich – und verzichtbar.

Space Dogs Österreich/Deutschland 2019. Regie, Drehbuch: Elsa Kremser und Levin Peter, Kamera: Yunus Roy Imer, 91 Min. Farbe und Schwarzweiß