Bevor er sich in das nächtliche Getümmel stürzt, kocht Oli „das Knie“ erst einmal einen leckeren Eintopf; anschließend füllt er sich einen großen Schlag davon in einen Thermosbehälter und wickelt außerdem noch ein paar Stullen in Zellophanpapier ein. „Was ich an dem Job am meisten mag, ist, dass ich die Leute anstarren darf“, erklärt er dem Betrachter beim Füllen und Wickeln. „Die kommen in die Tür rein, und du darfst sie gleich fixieren. Ich darf sie checken, wie man es vielleicht im normalen Leben nicht darf. Ich darf sie lesen, von oben bis unten, und das ist eine Menge wert.“

Falls die Nacht kalt wird, hat er noch etwas Wärmeres anzuziehen dabei und für sonstige Notfälle ein paar Stich- und Schlaginstrumente. Und das „Einsatzhandbuch für Mitarbeiter im Bewachungsgewerbe“, in dem er, sofern es die Lage erfordert, die rechtlichen Grundlagen der eigenen Tätigkeit jederzeit nachschlagen kann.

Fünfzehn Jahre lang hat Oli „das Knie“ als Kampfsportlehrer gearbeitet, jetzt ist er hauptberuflich als Türsteher vor wechselnden Berliner Clubs tätig. Seinen ersten Einsatz hatte er in einer Silvesternacht vor dem SO 36, das sei gleich eine Extremerfahrung gewesen: Die Türsteher mussten nicht nur den Einlass regeln, sondern zeitgleich die vor dem Club stehenden Leute davon abhalten, Silvesterraketen in das Gebäude zu feuern; viele hätten auch Pflastersteine aus der Oranienstraße gerissen und diese enthemmt durch die Gegend geworfen.

Kampfsport statt Musik und Tanz

„Straßensamurai“ heißt der 71 Minuten kurze, in seinem ruhig- melancholischen Blick auf die aggressive Hektik der Berliner Nacht aber überraschende und sehr intensive Film des Regisseurs Samer Halabi Cabezon. Vier Türsteher und eine Türsteherin werden darin porträtiert: Oli „das Knie“, Lotte, Boris, Cengiz und Philipp wirken vor dem SO 36 und dem Clash im Mehringhof; sie standen vor dem Icon und stehen nun vor seinem Nachfolgeclub Gretchen, vor der Wilden Renate am Ostkreuz und dem Farbfernseher in der Skalitzer Straße; man sieht sie vor dem (inzwischen geschlossenen) M.I.K.Z. und vorm Magdalena an der Schillingbrücke.

Die grobkörnigen Schwarz-Weiß-Bilder des Kameramanns Shane Thomas McMillan halten kunstvoll die Schwebe zwischen Artifiziellem und Authentizität; das entspricht gut dem Wechselspiel aus Distanz und Nähe, das der gesamte Film gegenüber dem Berliner Nachtleben pflegt.

Ein umfassendes Panorama davon entsteht nicht, dazu hätte man die Clubs selber ins Bild bringen müssen. Was drinnen, auf der Tanzfläche und an den Tresen, in den Knutsch- und Fummelnischen passiert, erfährt man so wenig wie man die Betreiber kennenlernt, die Programme, Konzerte und DJ-Sets buchen.

Für Oli „das Knie“ und seine Kollegen spielt das alles aber auch gar keine Rolle, sie interessieren sich offenkundig nicht für die Musik und für das Feiern. Die wahre Leidenschaft, die sie an die Türen gebracht hat, sind Kampfsportkünste jeglicher Art; darin sind sie – soweit ich das aus meinen eigenen Nachtleben-Erfahrungen beurteilen kann – für ihren Berufsstand weitgehend repräsentativ.

Körperlichkeit und Körperbeherrschung

Und gerade durch die scheinbare Verengung des Films auf die Türsteher-Perspektive der Körperlichkeit und Körperbeherrschung rückt „Straßensamurai“ das Nachtleben besonders scharf in den Blick. Das vielbeschworene Clubglück der rauschhaften Enthemmung wird hier als Teil einer Dialektik gezeigt, zu der notwendig das Hegen und Hemmen gehört, wenn das Glück wenigstens bis zum Morgen anhalten soll.

Für die Türsteher in diesem Film ist die Nacht ein permanenter Ausnahmezustand – bevölkert von aggressiv-verpeilten Figuren und wandelnden Risikoherden. Wer sich dem dauerhaft aussetzt, muss allerdings ein bisschen Freude am Parazivilisatorischen besitzen. „Ich prügel mich nun mal gerne“, sagt Lotte denn auch. Die vier Männer erzählen hingegen lieber von den Ängsten, die sie durchleben, und von der Lust daran, diese Ängste zu überwinden.

Einmal begleiten wir Oli „das Knie“ auf seinem Weg über das RAW-Gelände. „Das ist voll krass, das ist jetzt echt der Hotspot“, sagt er dabei, „hier sind echt nur noch Ticker, nur Dealer.“ Und lauter junge Leute, die von einem Club zum nächsten irren: Wenn sie von einem Türsteher abgewiesen werden, versuchen sie es bei dem nächsten; niemand geht nach Hause, alle bleiben unentwegt in Bewegung, von außen betrachtet ein rundum unbehagliches Chaos.

„Guck dich mal um hier, was für ein Ghetto“, sagt Kollege Cengiz, der dort häufiger arbeitet. „Ich würde ja gerne zur Beruhigung einmal einen kleinen Polizeieinsatz sehen“, meint Oli zu ihm. „Aber die trauen sich nicht“, sagt Cengiz: „Wenn wir sie rufen, kommen sie entweder gar nicht oder total spät, wenn die Lage schon wieder abgeflaut ist.“ Gegen die freiberufliche Samuraigilde des Türstehertums – so erzählt es uns jedenfalls dieser Film –, wirken die verbeamteten Polizisten Berlins durchweg als mut- und disziplinloser Haufen.

Straßensamurai. Dtl. 2015. Laufzeit 71 Minuten, Schwarz-Weiß. Regie & Drehbuch: Samer Halabi Cabezon; Kamera: Shane Thomas McMillan; Schnitt: Edward Jae-Young Müller; Musik: Stella Berglund, Falo 666. Mitwirkende: Oli „das Knie“ Schmidt, Cengiz Ronin, Lotte, Boris Methner, Philip Bender. Produktion: Samer Halabi Cabezon und Shane Thomas McMillan. Beide betreiben die Produktionsfirma atimos in Kreuzberg.

Der Film feierte im April im Wettbewerb des Festivals achtung berlin seine Weltpremiere. Zu sehen ist „Straßensamurai“ im Kino Moviemento (Kottbusser Damm 22). Kartentelefonnummer: 030/692-4785