Wer die Augen geschlossen hält, meint  einen Geschlechtsakt zu belauschen. Schmatzende Geräusche, schweres Atmen, Stöhnen und Keuchen. Lustvoll-angestrengt hört es sich an, dann wieder fast ein wenig schmerzerfüllt. Weil man aber im Kino die Augen eher offenhält, fließen nicht nur zwei Stimmen ineinander – es halten einander auch zwei Körper umklammert. Und es ist das Messer, das der eine Körper in das Fleisch des anderen versenkt, das das schmatzende Geräusch verursacht. Und ja, flüstert die Frau dem Mann schließlich ins Ohr, es fühle sich großartig an. Der Mann, blind und stumm und verletzt, war auf der Flucht. Vom Küchenfenster aus hat die Frau ihn den Hang hinaufstolpern sehen.

Es ist nicht der erste Tod in Nicolas Pesces „The Eyes of My Mother“,  und es ist auch nicht der erste Mord. Es ist nur der erste, der sich vor den Augen der Zuschauer vollzieht, die vorangegangenen bleiben außerhalb des Bildes, werden sichtbar nur in ihren Auswirkungen. Dass nun aber in dieser Szene die Ohren einen sexuellen Akt vernehmen können, wo die Augen eine Bluttat sehen, bestätigt die narrative Strategie, derer sich der 1990 in New York geborene Filmemacher, ein Absolvent der Tisch School of the Arts, in seinem  erstaunlichen Debüt bedient.

Der Geist der Geschichte

Pesce, der auch das Drehbuch schrieb, vertraut auf die Vorstellungskraft seines Publikums; er verlässt sich auf dessen Zutun, um die Ellipsen zu füllen, mit Hilfe derer er erzählt wie einer, der in einem mitunter gewagt grobmaschigen Netz eine Ahnung von einer Geschichte einfangen will – oder deren Geist. Geredet wird nicht viel, erklärt noch weniger. Patrick Burgess’ gefinkeltem Sounddesign und der von Ariel Loh auf alten Analogsynthesizern komponierten Musik kommt daher umso größere Bedeutung zu. Pesce schlägt weite Bögen und lässt großzügige Leerstellen; er kennt sich gut genug aus mit den Mechanismen und den Konventionen des Horrorgenres, um generelle Erwartungen zu bedienen, während er Details gegen den Strich bürstet. Oder umgekehrt. Oder jeweils im Wechsel.

Es ist ja aber auch der Stoff, der in diesem Film eingekreist wird, ein sehr zarter und flüchtiger: Es ist die Seele eines kleinen Mädchens, die irreparablen Schaden nimmt, als die Mutter ermordet wird und der Vater sich als unfähig erweist, das Kind zu trösten. Vielleicht ahnen Sie es ja bereits, aus eben jenem kleinen Mädchen wird oben erwähnte junge Frau, und ihr Leidensweg, der zugleich eine Schneise der Verwüstung ist, ist mit der geschilderten Untat noch lange nicht am Ende.

Angesiedelt ist das Geschehen von „The Eyes of My Mother“ irgendwo im amerikanischen Hinterland auf einer abgelegenen Farm, in einem diffusen, jedenfalls vor-digitalen Irgendwann.

Eine raumzeitliche Unbestimmtheit, die Horror signalisiert, und mit der das Schwarz-weiß korrespondiert, in dem der Film gedreht wurde. Einerseits wirkt es mit seiner klaren Schärfe kunstfotografisch und fast zu artifiziell, andererseits ruft es Reminiszenzen wach an die moralischen Ambiguitäten des klassischen Horrorfilms der 1950er-Jahre; vor allem aber erlaubt es kein schreiendes Blutrot! Und so ist es denn auch das Schwarz-weiß, das den Schrecken der Geschichte in einen auf leisen Sohlen einherschleichenden Horror überführt. Jenen ganz besonders gemeinen Horror, der entsteht, wenn die Grausamkeit sich mit der Unschuld paart und ein Monster zeugt.

The Eyes of My Mother USA 2016. Regie, Drehbuch: Nicolas Pesce, Kamera: Zach Kuperstein, Musik: Ariel Loh, Darsteller: Kika Magalhaes, Will Brill, Flora Diaz u.a.; 76 Minuten, Schwarzweiß.