Als Hitler den Krieg überlebte (Ich, die Gerechtigkeit) / Filmklassiker von Kult-Regisseur Zbynek Brynych, CSSR 1967.
Foto: Filmstudio Barrandov

BerlinDer tschechische Regisseur Zbynek Brynych (1927–1995) gehört zu den weithin Vergessenen der europäischen Filmgeschichte. Das ist bedauerlich, denn vor allem seine Trilogie zur Psychologie des Faschismus hat über die Zeiten hinweg Bestand: Damit löste er sich aus dem Kanon des konventionellen Widerstandsfilms, reflektierte über die Verführbarkeit des Menschen zu Opportunismus, Verrat und Gewalt und weitete den Blick über die NS-Zeit hinaus auf die Topographie des Terrors im Allgemeinen.

Nach „Transport aus dem Paradies“ (1962) über das Konzentrationslager Theresienstadt und „Der fünfte Reiter ist die Angst“ (1965), in dem die deutsche Besetzung Prags als surreales Pandämonium erscheint, drehte er 1967 einen Film, der in den bundesdeutschen Kinos „Als Hitler den Krieg überlebte“ hieß, im Original aber den weitaus weniger spektakulären Titel „Ich, die Gerechtigkeit“ trug. In den DDR-Verleih wurde er gar nicht erst übernommen, obwohl bekannte Ost-Berliner Schauspieler darin auftraten. Vermutlich fühlten sich die Einkäufer mit den Erfindungen des Films politisch unwohl; allerdings könnte es auch sein, dass sie das Finale zu sehr irritierte.

Brynych erzählt, wie Hitler 1946 in einem Schweizer Privatsanatorium versteckt wird. Der Leiter des Hauses, Harting (Jirí Vrstala), entzieht ihn den Nürnberger Prozessen, um ihn auf eigene Faust mit seinen Taten zu konfrontieren: „Ein Tod für ihn ist zu wenig, er muss Hunderte Tode sterben.“ Eine junge Frau namens Inge Stahl (Angelica Domröse) will ihn indessen im Auftrag des ebenfalls überlebenden Hitler-Privatsekretärs Bormann in die Freiheit entführen. Am Ende ist Hitler tot, doch Harting hat längst selbst die Rolle eines erbarmungslosen Diktators übernommen und lässt sich mit Heilrufen feiern. Aus dem Rächer ist ein neues Ungeheuer geworden.

Dabei bleibt die Figur des Harting diffus. Er könnte ein Nazi sein, der seinen einstigen „Führer“ mittlerweile hasst, weil der ihm seine Karriere verbaut hat. Aber steht er nicht auch für jene neuen Henker, die in der stalinistischen Ära Schauprozesse anstrengten, um ihre eigene Macht zu schmieden? Brynych, in den 60er-Jahren selbst Mitglied der Kommunistischen Partei, entschied sich für ein Spiel der Ambivalenzen.

Den Hitler gab Fritz Diez, der dieser Rolle schon im Thälmann-Film der Defa übernommen hatte und sie auch in dem sowjetischen Kriegsfilm „Befreiung“ (1970) spielte. Wenn er hier vor einer großen Leinwand steht und den originalen Hitler anstarrt, in Ausschnitten aus NS-Propagandafilmen, und die Kamera bis an die Poren des Darstellers heranzoomt, gefriert den Zuschauern das Blut in den Adern.

„Als Hitler den Krieg überlebte“ (CSSR 1967), Regie: Zbynek Brynych, 86 Min., ab 16,99 Euro.