Laura ist asexuell. Ihre Angst vor der Berührung hemmt jede Möglichkeit einer sexuellen Interaktion. Doch die 50-Jährige geht offen mit ihrer Angst um, sie konfrontiert sie. Sie sieht einem Callboy beim Masturbieren zu, lernt von der Transsexuellen Hanna einen offenen Umgang mit dem eigenen Körper und versucht, angeleitet von einem erfahrenen Prostituierten, langsam die Angst vor dem Körperkontakt abzubauen. Diese Situationen, in denen Laura ihre eigenen Intimitätsgrenzen zu überschreiten versucht, sind, wie ihre eigene Identität, konstruiert.

Laura ist eine fiktive Figur, verkörpert von der Schauspielerin Laura Benson. Ihre therapeutischen Begegnungen sind, wie ihr Umgang mit der eigenen Asexualität, Inszenierung. Die Grenzüberschreitung findet in einem von der rumänischen Regisseurin Adina Pintilie arrangierten Raum statt. Gemeint ist damit natürlich kein geografischer Raum, sondern vielmehr ein Bereich, dessen Grenzen durch Scham- oder Angstgefühle abgesteckt sind. Eben diesen Grenzen widmet sich Pintilies semi-dokumentarischer Film, der überraschend den Goldenen Bären auf der diesjährigen Berlinale gewann.

Steriles Sozialexperiment in einem klinischen Setting

Natürlich kann es in einem Raum, der sich nur über die persönlichen Schamgrenzen einer Figur definiert kein „richtig“ und kein „falsch“ geben. So ist auch die zweite Begegnung, anhand derer „Touch Me Not“ sich mit Intimität auseinandersetzt, als therapeutische Situation inszeniert. Hier trifft Tomas (verkörpert vom isländischen Schauspieler Tómas Lemarquis), der im Alter von 13 Jahren seine Körperbehaarung verlor, auf den unter spinaler Muskelatrophie leidenden Christian (Christian Bayerlein). Während Christian sehr frei mit seinem Körper und seiner Sexualität umgeht, muss Tomas erst lernen, sich seinem Gegenüber zu öffnen.

In der ersten Sitzung noch deutlich verstört vom Speichel, der an den Mundrändern Christians herabrinnt, wischt er diesen einige Sitzungen später wie selbstverständlich aus dem Gesicht seines Partners. Annäherungen wie diese bilden das dramaturgische Fundament des Films. Die Intimität der Situation überträgt sich dabei aber nur selten auf den Zuschauer. Die hybride Form des Films springt erratisch zwischen dem Dokumentarischen und dem Fiktionalen hin und her und steht dabei der Wahrhaftigkeit der persönlichen Begegnungen immer wieder im Weg.

Die Berührungen zwischen Tomas und Christian werden im klinischen Setting eines White Cubes (ein komplett in weiß ausgeleuchteter Raum), zum einem sterilen Sozialexperiment, die Szene selbst zum aseptischen Tableau. An anderer Stelle muss „Die Befindlichkeit des Landes“ der Einstürzenden Neubauten als Leitmotiv herhalten, ein ärgerlicher Manierismus, der den Song, der ein Berlin nach der Wende beschreibt, in einen fremden Kontext presst.

Wenig durchdachter Ansatz

Das Missverhältnis zwischen Ästhetik und Inhalt auf die Spitze treibend, macht sich die Regisseurin schließlich selbst zur Protagonistin ihrer Intimitätserforschung. In einer bedeutungsschwer inszenierten Szene nimmt sie den Platz vor der Kamera ein. Durch ein Interrotron (eine Art Zwei-Wege-Spiegel, der ermöglicht, dass sich die Interviewte und die Interviewende einander durch die Kamera anblicken können) sieht Pintilie nun Laura aus deren Perspektive an. Die Regisseurin setzt sich selbst der Interviewsituation aus. Ein Rollentausch, der sich als reine Eitelkeit offenbart, als Pintilie, den Blick direkt in die Kamera gerichtet, zu weinen beginnt.

Der ästhetische Ansatz des Films, so eigenwillig er auch sein mag, wirkt prätentiös und wenig durchdacht. „Touch Me Not“ hinterfragt die sozialen Normen von Schönheit, Sexualität und Intimität, ersetzt sie aber oft nur mit neuen, ebenso verkürzten Begriffen. So ist der Fluchtpunkt von Pintilies Intimitätsbegriff immer die Sexualität. Wer sich sexuell öffnet, wird erfolgreich therapiert. Eine normative Vorstellung wird durch die nächste ausgetauscht.

Keine Leerstellen für den Zuschauer

Folgerichtig werden die Protagonisten für eine finale Sequenz zusammen in einen Darkroom gesteckt. Ledersex, Fesselspiele, Dominanz und Unterwerfung symbolisieren die erlangte Freiheit, freilich aus derselben autoritären Perspektive, die Pintilie dem Zuschauer die gesamte Laufzeit des Films über aufzwingt.

Solch formelles Übermaß grenzt die beschworene Freiheit oder Befreiung, die der Film anstrebt, immer wieder ein. „Touch Me Not“ bietet keine Leerstellen für den Zuschauer. Alle Räume des Films sind konzeptuell und ästhetisch abgeriegelt. Pintilie überwindet Grenzen nur, um neue zu ziehen.

Touch Me Not Rum., Dtl., Bul., Fr. 2018. Regie, Buch: Adina Pintilie. Darsteller: Laura Benson, Tómas Lemarquis, Christian Bayerlein u.a., 129 Minuten, Farbe. FSK: ab 16 Jahre.