Als im Februar dieser Film auf der Berlinale aufgeführt wurde, war auch der Mann, von dem er handelt, aus Kalifornien nach Berlin mitgereist. Beim Fototermin nach der Pressevorführung stand er unsicher lächelnd, leicht schief, an der Hand seiner Frau und winkte steif in die Blitzlichter, und man fragte sich in diesem Moment noch beklommener und berührter, was man sich in den zwei Stunden zuvor beim Betrachten von „Love & Mercy“ schon gefragt hatte: Was denkt jemand, wenn er einen Film darüber sieht, wie er selbst vom genialen und meistumschwärmten Komponisten des Pop zum psychotischen Drogenwrack regredierte? Und was fühlt jemand, der bei dieser Gelegenheit noch einmal mit anblickt, wie er eines sehr viel späteren Tages zwar von einer ihn liebenden Frau aus den schlimmsten Depressionen errettet wird, aber doch seither und bis heute als ausgebranntes Ex-Genie vom Nachruhm seiner goldenen Jahre zehrt?

Vom Teleprompter

Man weiß nicht, was Brian Wilson darüber denkt, wie man generell über seine Gedanken und seine Gefühle wenig zu sagen vermag. Wenn man ihn in den vergangenen Jahren noch einmal auf einer Konzertbühne sah, wirkte er wie ein außerirdischer Gast mit einem anderen Zeitempfinden. Reglos saß er an einem E-Piano und sang einige der schönsten Lieder auf diesem Planeten; allerdings sang er sie mit brüchiger Stimme von einem Teleprompter ab, weil er sich an die Texte zu dieser Musik, die er in den 1960er-Jahren selbst geschrieben hatte, nicht mehr vollständig erinnern konnte.

„California Girls“ und „Fun Fun Fun“, „Don’t Worry Baby“ und „Help Me, Rhonda“ hießen die Hits, die Brian Wilson damals für seine Gruppe The Beach Boys verfasste: kurze, von herrlichen Männerchor-Harmonien getragene Teenager-Symphonien. Dann verstieg er sich in immer elaborierteren Klang- und Kompositionsideen, die die anderen Beach Boys bald nicht mehr mittragen wollten. Schon über der Arbeit an dem heute als Meisterwerk geltenden Album „Pet Sounds“ entzweite er sich mit der Gruppe. Der Nachfolger „Smile“ blieb dann Fragment: Der Zwist mit seinen Mitmusikern, der eskalierende Drogenkonsum jener Jahre und die unentwegt sich steigernde Überforderung mit den eigenen Ansprüchen trieben Wilson in Lähmung und Paranoia; am Ende dämmerte er nur noch, reglos und aufgeschwemmt, auf seinem Bett vor sich hin.

Das ist die eine von zwei zentralen Episoden in seinem Leben, die Bill Pohlad und Oren Moverman in „Love & Mercy“ bebildern und gegeneinander montieren. Wir sehen zum einen Paul Dano als den jungen Brian auf dem Gipfel des Erfolgs und bei der immer selbstzerstörerischer werdenden Arbeit im Studio. Wir sehen zum anderen John Cusack als den Brian Wilson der 1990er-Jahre, der, kreativ erloschen, in der Obhut des Psychiaters Eugene Landy steht. Den von Landy mit Unmengen von Medikamenten sedierten und jeder eigenen Entscheidungsmacht beraubten Patienten spielt Cusack mit herzzerreißend trauriger, geistesabwesender Miene.

So unterschiedlich sind diese Figuren und Schauspielstile, dass man Dano und Cusack am Anfang des unablässig die Zeitebenen wechselnden Films nicht als zwei Inkarnationen ein und derselben Person identifiziert. Gerade das ist eine sehr kluge Wendung: So gibt „Love & Mercy“ zunächst gar nicht vor, einen psychologisch befriedigend ausgedeuteten Zusammenhang zwischen den verschiedenen Geisteszuständen von Brian Wilson herstellen zu können.

Am Ende siegt dann doch die Logik des Happy-End über die Fragment-Ästhetik, und das liegt an der zentralen Rolle, die Elizabeth Banks als Melinda Ledbetter zukommt. Sie verliebt sich Anfang der 1990er in Wilson und befreit ihn aus den Fängen des Psychiaters (schön überchargierend: Paul Giamatti). Dass das Drehbuch von Ledbetter – heute: Melinda Wilson – geprägt und beaufsichtigt wurde, hat vor allem unter US-amerikanischen Kritikern für Unmut gesorgt: Manchen gilt sie als ebenso kontrollsüchtig und dubios wie der von ihr abservierte Landy.

Die ganze Wahrheit

Als ich Bill Pohlad nach ihrer Rolle befragte, zuckte er nur die Schultern und sagte: Ja, das ist ein Film aus der Perspektive Melindas, es ist nicht die ganze Wahrheit – es gibt aber so viele Versionen dieser Geschichte, dass man die ganze Wahrheit nie finden wird.

Und schon gar nicht die Wahrheit von Brian Wilson: Nach dem Fototermin auf der Berlinale weigerte er sich, die Bühne der Pressekonferenz zu betreten, weil er die Menschen scheut und nicht gern mit ihnen redet, und wenn man ihm vorher nahe genug gewesen war, um einen Moment in sein freundliches, aber auch abwesendes Gesicht zu blicken, dann hatte man eine Ahnung, warum es so ist.

„Love & Mercy“. USA 2014. 122 Min., Farbe. FSK ab 6. Regie: Bill Pohlad. Drehbuch: Oren Moverman, Michael A. Lerner.