Film über Gerhard Gundermann: Alexander Scheer verkörpert den Liedermacher aus der DDR

Jetzt komm’ die fetten Tage, Linda. Wir ha’m so lang auf dich gespart. Was soll’n wir Euch sagen, Kinder, die Alten sind noch mal am Start.“„Linda“ heißt dieses Lied von Gerhard Gundermann, und an diesem Drehtag im Frannz-Club an der Schönhauser Allee wird dieses Lied zum Ohrwurm für Schauspieler, Crew und Komparsen. Den Refrain summen und singen alle mit, die einzelnen Strophen kennen die Älteren, jene, die im Osten aufgewachsen sind – viele von ihnen mit Gundermanns Liedern.

Gundi, der singende Baggerfahrer aus dem Lausitzer Braunkohlenrevier. So nannten sie ihn. Immer wieder lässt Regisseur Andreas Dresen im Frannz dieses Lied abspielen. Kamera läuft. Ton läuft. Ruhe bitte. Konzentriert sitzt Dresen vor dem Monitor. Auf der Bühne steht der Schauspieler Alexander Scheer. Er trägt Fleischerhemd, Hosenträger und Jeans, die blonden, dünnen Haare sind zum Zöpfchen gebunden, die Brille ein Billiggestell aus der DDR.

Plötzlicher Tod vor 19 Jahren

Der große schlaksige Mann auf der Bühne singt und spielt Gitarre, die Band liefert einen satten Sound. Und jeder, der je den Liedermacher Gerhard Gundermann gesehen hat, ist verblüfft über die Ähnlichkeit, die Alexander Scheeres mit Gerhard Gundermann hat. Nicht nur wegen dieser prägnanten Kleidung.

Gundermann starb vor 19 Jahren, als er 43 Jahre alt war. Ein plötzlicher Tod. Nachdem der Tagebau geschlossen hatte, wollte er als Tischler arbeiten, ein neues Album war geplant. Er liebte seien Frau und seine Kinder, das jüngste noch recht klein. Dann ein Hirnschlag, an einem Juniabend zur Sommersonnenwende. Ein Schock für seine Familie, für seine Freunde und seine Fans. Und vielleicht doch nicht ganz unerwartet.

Verschlungene Lebenswege

Gundermann lebte zwei Leben, beide waren intensiv und rastlos. Er war Baggerfahrer im Braunkohletagebau, nahe Hoyerswerda. Zwanzig Jahre lang arbeitete er dort im Dreischichtsystem. Gundermann war auch Musiker, ein Liedermacher. Mit seiner Band probte er mehrmals pro Woche und fuhr dann zu Konzerten, die oft mehrere Stunden dauerten. Manchmal mussten drei Stunden Schlaf reichen, dann saß Gundi, wie ihn die meisten nannten, wieder im Führerhaus seines Baggers. Und er war Familienvater, drei Kinder hatte er mit seiner Frau Conny. Linda war die jüngste, ihr widmete er das berühmte Lied.

Doch das ist nur ein Teil seiner Biografie. Der andere Teil besteht aus widersprüchlichen und verschlungenen Lebenswegen und eigenwilligen Entscheidungen. Er sah sich als Kommunist, verehrte Che Guevera, glaubte an den Sozialismus in der DDR. Mit 18 Jahren ging er an die Offiziershochschule Löbau, wurde dort aber schnell wieder entlassen, weil er kein Loblied auf den Verteidigungsminister singen wollte, als der in die Kaserne kam.

„Nichtverstehenwollen des demokratischen Zentralismus“

Gundermann wurde zur Bewährung in den Tagebau geschickt, dort begann er als Hilfsarbeiter und trat in die Partei ein, die SED. Zudem entschied er sich, als IM für die Stasi zu arbeiten, er wollte „Agenten und Saboteure jagen“. Und die Welt zum Besseren verändern.

Acht Jahre lang lieferte er Berichte über Missstände im Betrieb, über unliebsame Parteifunktionäre, Bonzen und Stalinisten, aber auch intime Details über Kollegen. „Petzberichte“ nennt er sie nach der Wende. Gundermann war kein vorbildlicher Genosse und Spitzel. Der Betriebsparteisekretär kritisierte seine „prinzipielle Eigenwilligkeit, das „Nichteinfügen ins Kollektiv“, das „Nichtverstehenwollen des demokratischen Zentralismus“.

Die Partei schloss ihn aus, und auch der Stasi war Gundermann längst zu kritisch. Nun bespitzelte sie in selbst, den „Feind der Partei“. Andreas Dresen ruft die mehr als 100 Komparsen vor die Bühne im Frannz. Gedreht wird eine Konzertszene im Jahr 1994. Im Publikum stehen langhaarige Männer in Kordjacken, Frauen mit Dauerwellen und weiten Röcken. Feuerzeuge leuchten, das Bier heißt Bärenquell, Zigarettenrauch zieht durch den Saal. Damals herrschte noch kein Rauchverbot, und der Frannz hieß noch Franz, mit einem N.

Gundermann war zu diesem Zeitpunkt längst ein erfolgreicher Musiker, tausende kamen zu seinen Konzerten. Mit seiner Band tourte er durch den Osten und haderte mit dem goldenen Westen. Vier Alben hatte er veröffentlicht, zudem Texte für die Band Silly geschrieben. Acht Lieder in zwei Wochen für das Silly-Album „Februar“ – die Platte des Wendejahres 1989. Er spielte im Vorprogramm von Bob Dylan und Joan Baez bei ihren Gastspielen im Osten, manche vergleichen ihn mit Bruce Springsteen und mit Rio Reiser.

Begeistert von seiner Glaubwürdigkeit

Inhaltliche Tiefe und kluge Dramaturgie bescheinigten ihm Kritiker und Kollegen. Gundermann hätte längst von seiner Musik leben können, doch er brauchte den Job im Tagebau, sagte er immer wieder. Um sich zu erden. Im Fahrerhaus fielen ihm im Takt des Schaufelbaggers die besten Texte ein. Von dort oben sah er die Sonne auf- und untergehen. Das war sein Revier.

Kurze Pause. Die Komparsen verschwinden zum Imbiss. Andreas Dresen hat einen Moment Zeit und erzählt, er habe sich mit diesem Film einen langen Wunsch erfüllt. Seit zehn Jahren plane er einen Film über Gundermann. Er habe ihn in den 80ern kennengelernt. Dresen war begeistert von seiner Glaubwürdigkeit. Gundermann sei ein eigenwilliger und ungewöhnlicher Mensch gewesen, eine Arbeiterfigur ohne Allüren. „Er war verwurzelt im Schlamm der Braunkohle und mit dem Kopf in den Sternen.“

„Ich genieße es“

Dresen sagt, er drehe keinen biografischen Film, vielmehr finde er zwei Lebensphasen besonders spannend: Die 70er Jahre in Hoyerswerda, in der es auch um die Liebesgeschichte zu Gundermanns Frau Conny gehe, und die Jahre Mitte der 90er. Auf diese Phasen konzentriert sich das Drehbuch. Und endet nicht mit, sondern vor seinem Tod.

Von einem „Plädoyer für Zwischentöne“ spricht die Drehbuchautorin Laila Stieler. „Gundermann war ein Widerspruch auf zwei Beinen.“ Im Jahr 2004 fing sie an, Gundermanns Biografie zu erforschen. Conny, die Witwe, hilft ihr. Und verändert erneut ihr Leben. Denn an vieles, was sie glaubt vergessen zu haben, erinnert sie sich nun wieder. „Das Drehbuch hat mich zurückkatapultiert in die frühe Zeit. Sein Tod ist wieder nähergekommen“, sagt Conny Gundermann. „Ich kann unsere gemeinsame Geschichte nun besser verarbeiten.“

Sie ist zum Drehtermin in den Frannz-Klub gekommen. Sie will sehen, wie Alexander Scheer ihren verstorbenen Mann spielt. „Ich genieße es“, sagt sie. „Anfangs war ich erschrocken, wie dicht Alexander dran ist. Gestik, Motorik, Gesang, vielleicht sind die beiden Seelenverwandte.“

Zerrissene Biografie

Im Film spielt auch Gundermanns Stasi-Zeit eine wichtige Rolle. Doch eine Klassifizierung in Opfer oder Täter wäre bei Gundermanns Biografie zu einfach, sagt Dresen. „Gundermann hat eine zerrissene Biografie, die sehr spannend ist.“ Dresen hofft, sein Film könne einen anderen Blick auf die DDR und die Welt werfen. „Die Zeit ist reif für widersprüchliche Geschichten“, sagt er. Dann muss er weitermachen. Die Komparsen stehen wieder dicht gedrängt vor der Bühne und schauen zu dem blonden blassen Sänger im Fleischerhemd. Ruhe bitte.

„Meine Pistole war geladen, mit dem allerletzten Schuss. Ich hab’ sie unterm Kirschenbaum vergraben, weil ich doch hier bleiben muss.“ Alexander Scheer singt die zweite Strophe von „Linda“. Vom Tod hat Gundermann oft gesungen. Von schwarzen Trichtern und Schuhen, die eines Morgens leerbleiben. Aber auch vom Gras, das immer wieder wächst, und alle Wunden zuklammert. Für viele ist dieses tröstende Lied zur Hymne geworden.

„Wie durch ein Zeitfenster“

Heute singen bekannte deutsche Musiker Gundermann-Songs: Judith Holofernes, Stefan Stopock, Konstantin Wecker. Sogar beim Wacken-Festival mit seinen Heavy-Metal-Bands wird Gundermann gespielt. Und die Männer in Lederjacken hören andächtig zu.

Unscheinbar, inmitten der vielen Komparsen, steht Linda. Eine Kamera ist auf sie gerichtet und ein Scheinwerfer. Es ist Gundermanns jüngste Tochter, eben jene Linda. Sechs war sie, als er starb. Nun ist sie 25, eine groß gewachsene Frau mit lockigem, wilden Haar. Bald wird sie Lehrerin sein für Mathe und Englisch. Jetzt spielt eine Konzertbesucherin. Dresen wollte sie dabeihaben. Sie schaut zur Bühne, Alexander Scheer singt über Linda. „Ich schaue wie durch ein Zeitfenster“, sagt Linda Gundermann. „Ich habe Papa lange nicht gesehen.“