Szene aus „Als wir tanzten“: Im Zentrum ist Merab, gespielt von Levan Gelbakhiani.
Foto:  Salzgeber

Georgien gehörte jahrzehntelang zur Sowjetunion. Der 3,7-Millionen-Einwohner-Staat an der Nahtstelle zwischen Asien und Europa ist jedoch Jahrhunderte älter. Seit dem Ende des Sozialismus versucht er, die eigene Kultur zu fördern. Wie das in der Literatur aussieht, war etwa vor zwei Jahren zu beobachten, da sich Georgien als Gastland der Frankfurter Buchmesse präsentierte. Wie der traditionelle Tanz aussieht, zeigt ein Film, der in Cannes 2019 für Furore sorgte und jetzt endlich auch in den deutschen Kinos läuft: „Als wir tanzten“.

Der Film von Levan Akin hat wegen seiner schwulen Helden ein Konfliktpotenzial, das weit über herkömmliche Auffassungen von Tanz hinausläuft. Man kann in ihm und an den Reaktionen auf ihn deutlich erkennen, was passieren kann, wenn an den Mauern einer geschlossenen Gesellschaft geklopft wird. Ältere Zuschauer mit DDR-Hintergrund werden sich da an den Defa-Film „Coming Out“ erinnern. Für dessen Realisierung musste der Regisseur Heiner Carow jahrelang kämpfen. Ausgerechnet am 9. November 1989 erlebte er seine Uraufführung und markierte damit gleich einen doppelten Aufbruch.

Auswärtiges Amt: Übergriffe sind möglich

Das georgische Parlament hat zwar 2014 ein Antidiskriminierungsgesetz beschlossen, dennoch ist es Schwulen und Lesben im Land kaum möglich, sich offen zu ihrer Sexualität zu bekennen. Dem deutschen Auswärtigen Amt ist das bis heute eine Reisewarnung wert: „LGTBIQ-Demonstrationen und öffentliche Veranstaltungen wurden in den vergangenen Jahren von der Polizei geschützt, dennoch konnten Tätlichkeiten und Übergriffe von radikalen Gegendemonstranten nicht gänzlich verhindert werden.“ Die demokratische Öffnung des Landes gefällt offenbar nicht allen.

Als der Film „Als wir tanzten“ im November 2019 in fünf Kinos von Tiflis aufgeführt wurde, war sogar Polizeischutz erforderlich. Aufgebrachte Leute füllten die Straßen, riefen „Schande“, hielten Heiligenbilder hoch und entzündeten Feuerwerkskörper. Zwei Polizisten wurden verletzt, die Nachrichtenagenturen meldeten 27 Festnahmen.

So fortschrittlich sich die Republik Georgien in der Wirtschaft und Architektur zeigen möchte, so stolz die eigene, lange vom Russischen unterdrückte Sprache benutzt wird, so rückständig ist diese Gesellschaft in Bezug auf die individuelle Freiheit. Das wirkt sich bis in die Familien hinein aus, auch auf die Rolle der Frau. Der Film zeigt auch dafür Beispiele. Die Ursachen kann man im rasanten Wandel nach 1990 suchen, als die orthodoxe Kirche erstarkte und Religion nach der sozialistischen Ideologie ein Vakuum füllte.

Erotische Blicke unerwünscht

Was genau ist nun aber das Besondere am georgischen Tanz? Es sind sehr kraftvolle, schnelle, genau abgezirkelte Bewegungen, die zu energiesprühenden Begegnungen der Menschen führen. Sie sollten jedoch keine Erotik ausstrahlen. Das bläut der strenge Lehrer der Truppe ein, die im Zentrum des Films steht. Doch sind es gerade die Gefühle, die „Als wir tanzten“ zu einem aufwühlenden Erlebnis machen. Merab, öffentlich zurechtgewiesen, seine Tanzpartnerin (mit der er befreundet ist) nicht zu herausfordernd anzublicken, erfährt mit dem Eintritt eines neuen jungen Manns in die Gruppe, wie verletzbar sein Herz ist. Irakli kommt mit stolzer Lässigkeit in den Raum, kann aber sofort Körperspannung herstellen. Die Kamerafrau Lisabi Fridell nimmt die Position von Merabs Augen ein und tastet den neuen Tänzer mit dem Objektiv ab.

Dass Merab mit Irakli bald schon in den frühen Morgenstunden trainiert, macht Merabs Freundin noch nicht stutzig. Doch auf einem gemeinsamen Ausflug einiger der Tänzer wird ihr bewusst, dass die beiden Männer offenbar ineinander verliebt sind. Nicht nur sie weiß, wie böse das enden kann. Eine Freundin erzählt die Geschichte eines gemeinsamen schwulen Bekannten, der zur brutalen „Umerziehung“ geschickt wurde.

Levan Gelbakhiani verkörpert den Merab dabei hingebungsvoll. Er tanzt mit einem Ausdruck und einer Präzision, dass man ihm die große Bühne wünscht. In den Szenen zu Hause, in einem typischen Hinterhaus in der Altstadt von Tiflis, im Restaurant, wo er als Kellner Geld verdient, und auf der Straße wirkt die Kamera wie magisch von ihm angezogen. Sein zartes, blasses Gesicht offenbart seine Gedanken, seine Arme und Beine suchen unermüdlich die Bewegung.

Durch die Nähe zu ihm erschließen sich die Lebensumstände vieler Menschen im heutigen Georgien: Seine Familie wohnt auf engem Raum zusammen, das Geld reicht kaum fürs Essen. Der Vater, selbst ein ehemaliger Tänzer, muss auf dem Markt gesucht werden – eine Adresse hat er beim Auszug nicht hinterlassen. Als zu Hause der Strom abgestellt wird, will man lieber nicht genau wissen, welche kriminelle Tricks Merabs Bruder angewandt hat. Nicht hinzuschauen, ist sowieso eine Methode, um mit dem Alltag zurechtzukommen. Merab aber will gesehen werden, als Tänzer, als Liebender.

Der 1979 in Schweden geborene Regisseur Levan Akin beschäftigt sich in „Als wir tanzten“ mit den Vorurteilen, den Glaubensschranken und Chancen der Jugend in Georgien, dem Land seiner Vorfahren. Von außen, jedoch mit Empathie blickend, öffnet er dem Publikum ungewöhnliche Perspektiven. So viel und mitreißend hier auch getanzt wird: Akin hat keinen Tanzfilm gedreht. Er erzählt eine traurige Geschichte aus der Gegenwart der Homophobie und von dem schweren Ringen um Freiheit.

Als wir tanzten. Schweden/Georgien 2019. Regie und Drehbuch: Levan Akin; Kamera: Lisabi Fridell. Mit Levan Gelbakhiani, Ana Javakishvili, Bachi Valishvili u.a. 113 Min., Farbe, FSK ab 12