Dies ist der Herbst des ehelichen Misstrauens. Nach David Finchers „Gone Girl“ kommt nun, ebenfalls eine Romanverfilmung, „Ich.Darf.Nicht.Schlafen.“ von Rowan Joffe ins Kino. Und so wie der Roman von S. J. Watson zwei Nummern schlichter ausgefallen ist als der von Gillian Flynn, so verhalten sich auch die Filme zueinander: „Ich darf nicht schlafen“ ist in seinen Voraussetzungen konstruierter als „Gone Girl“, aber im Ablauf glatter und schneller, weniger raffiniert und hintergründig. Konnte man in den Wendungen und Twists von „Gone Girl“ die Zeichen eines allgemeinen gesellschaftlichen und politischen Misstrauens erkennen, so beschränkt sich „Ich darf nicht schlafen“ auf die Abgründe, die zwischen zwei Menschen lauern

Christine (Nicole Kidman) erwacht jeden Morgen im Glauben, sie sei Anfang 20, erkennt den Mann neben sich im Bett nicht und sieht beim Blick in den Badezimmerspiegel eine wesentlich ältere Frau. Jeden Morgen erzählt Ben, der Mann im Bett (Colin Firth), dass er ihr Gatte sei, dass sie einen Unfall hatte und jeden Tag nach dem Schlafen den ganzen vorigen Tag vergessen hat. Und jedesmal fragt sie, ob er ihr das jeden Tag erklären würde. Das traurige und mitleidende Gesicht von Colin Firth scheint zu sagen, dass er es seit Jahren tut.

Vertrauen ist gut

Ohne Vertrauen zu ihrem Mann wäre Christine vollkommen aufgeschmissen, Ben ist ihr einziger Weltzugang. Was er sagt, muss sie als ihre Geschichte akzeptieren, ihre Identität ist somit sein Werk. Dieses Vertrauen jedoch kommt ihr abhanden, als sich ein Neurologe namens Nash (Mark Strong) ihres Falls annimmt und ihr erzählt, dass die Ursache ihrer Amnesie eine Gewalttat in der Nähe eines Hotels nach Geschlechtsverkehr gewesen sei. Aber wie soll sie jemals ihre Geschichte vervollständigen, wenn sie am nächsten Morgen wieder von vorne anfangen muss?

Daher gibt ihr Dr. Nash eine Kamera, mit deren Hilfe sie ein Videotagebuch führen soll. Jetzt kann sie das Puzzlespiel an ihrer Biografie effektiv fortsetzen, und damit beschreitet sie den Weg zurück zur eigenen, abhanden gekommenen Person. Erinnerungen kehren streiflichtartig zurück; eine Freundin kommt ihr in den Sinn – warum hat sie ihr Mann nie an diese Claire erinnert? Warum hält er den gemeinsamen Sohn Adam geheim? Um ihr den täglich neuen Schmerz über seinen Tod mit acht Jahren zu ersparen? Misstrauen greift beim Abendbrot um sich, Ben reißt die Fotos von Claire wieder von der großen Erinnerungsfotowand ab, Christine kann es anhand des Videotagebuchs feststellen.

Die Tonlage des Films ist gedrückt, düster, eng; dass er zwischen nur vier Personen spielt, verstärkt die klaustrophobische Atmosphäre. Seine Versatzstücke Amnesie, zwielichtige Ehemänner, technische Gedächtnisstütze sind sattsam bekannt, aber hier zu einem effektiven und spannenden Thriller verbunden, der am Ende auch zu einer starken Aussage findet über das, was Individualität ausmacht.

Einen großen Eindruck hinterlässt „Ich darf nicht schlafen“ indes nicht, dazu mangelt es doch zu sehr an Originalität und Ambition. Daher wirkt der Film mit seinen prominenten Darstellern einigermaßen überbesetzt. Colin Firth zeigt seine Traurigkeit so mitleiderregend, dass man ihr glauben möchte und doch befürchtet, dass sie nicht echt ist. Nicole Kidman spielt diese Christine wenig anziehend als dauerverheultes Mütterchen – das ist etwas nervend, aber wohl im Sinne ihres Kampfs um Selbstbestimmung nicht zu vermeiden.

Ihre Krankheit hat Christine zu einer passiven, hilfsbedürftigen Person gemacht, und die Versuche, dieser Rolle zu entfliehen, sind mit heftigen Schmerzen verbunden – der Film handelt von der zweiten Geburt eines Menschen, seiner Emanzipation von einer Umwelt, die ihm sagt, wer er ist oder zu sein hat. Die Regie von Rowan Joffe, in der Vorliebe für gedeckte und elegante Bilder mit Fincher durchaus vergleichbar, mischt die elegische Grundstimmung mit knalligen Rückblenden – wahrt dabei aber stilbewusst eine ernste Haltung.

Ich.Darf.Nicht.Schlafen. (Before I Go to Sleep), Großbritannien, Frankreich, Schweden 2104, Buch & Regie: Rowan Joffe, Kamera: Darsteller: Nicole Kidman, Colin Firth, Mark Strong, Anne-Marie Duff, Farbe, 92 Minuten, ab 12