Gerade eben hat der Mann noch an der Kasse der Kantine bezahlt. Nun liegt er tot auf dem Boden. Was wird nun aus seinem Essen samt kühlem Bier? Verkommen soll es nicht; zudem ist die Rechnung ja bereits bezahlt. Ratlosigkeit in der Runde. Dann greift sich jemand beherzt das unvermittelt herrenlose Tablett. Prost! Und guten Appetit!

Die Frau singt munter beim Kochen in der Küche, während ihr Ehemann wacker den Korkenzieher ansetzt – eine Flasche Wein soll das Mahl abrunden. Doch plötzlich plauzt er wie vom Blitz getroffen zu Boden; unversehens hat der Arme das Zeitliche gesegnet. Die Frau in der Küche ahnt indes noch nichts von ihrem frischen Witwen-Dasein und trällert heiter weiter.

Mamas Ende nähert sich; an ihrem Krankenhausbett haben sich drei Verwandte versammelt. Die Greisin will allerdings die Tasche, in der sich ihr Schmuck befindet, auch in der Agonie nicht hergeben – fest hält sie das lederne Stück an den Bauch gedrückt. Verbissen zerren beide Seiten an der Tasche, die Sterbende und die Lebenden.

Mit drei Todesfällen beginnt der schwedische Regisseur Roy Andersson seinen neuen Film. „Tod“ heißt auf Schwedisch „dödm“, was geradezu unangemessen drollig klingt. Und tatsächlich: Traurig stimmt er keineswegs – dieser Beginn des Films mit dem längsten Titel, an den sich Kinofreunde wohl erinnern mögen. „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ ist Roy Anderssons neue Regiearbeit betitelt. Sie bildet nun – nach „Songs from the Second Floor“ und „Das jüngste Gewitter“ – den Abschluss einer Filmtrilogie über das Wesen des Menschen.

Ah, das Wesen des Menschen! Wie unerschöpflich interessant und gleichzeitig banal ist es doch den weisen Auslegungen des Roy Andersson zufolge. Sterbende wollen ihre Habe ins Jenseits mitnehmen. Menschen in der Blüte ihrer Jahre werden vom Tod am Lebensgenuss gehindert. Und alles wiederholt sich irgendwie – so wie in den eisernen Übungsstunden beim Tango-Kurs im Film. Allein für diese Szenen, jeweils kaum acht Minuten lang, soll der schwedische Regisseur zwei Monate geprobt haben mit seinen Darstellern. Das menschliche Wesen – immerzu ringt es ebenso widersinnig wie hartnäckig mit Repetitionen und Absurditäten.

Und deswegen erzählt Roy Andersson auch nicht chronologisch – nein, er stellt hier vielmehr 39 Tableaus nebeneinander, wobei jedes für sich auch als Kurzfilm bestehen könnte. Statische Kamera-Einstellungen, skurrile Figuren, langsame Bewegungen, eine hohe Künstlichkeit der Szenerie und stark entsättigte Farben kennzeichnen den Stil von Roy Andersson. Nur ungefähr alle acht Jahre dreht er einen neuen Film – das ist für seine Anhänger dann wie Weihnachten und Ostern zugleich: ein Ereignis von geradezu messianischem Gewicht.

Roy Andersson ist nicht einfach nur ein besonders origineller – er ist ein singulärer Künstler. Mit dem „Taube“-Film gewann der Schwede im vergangenen September denn auch keinesfalls unerwartet den Goldenen Löwen beim Filmfestival Venedig. Auch im dritten Teil seiner Trilogie zielt alles auf Abstraktionen, das Allgemeingültige. Hier verbinden zwei in die Jahre gekommene Handelsvertreter für Scherzartikel, beides Ritter von der traurigen Gestalt, lose die einzelnen Episoden. Und stehen dabei für die Vergeblichkeit allen menschlichen Bemühens: Denn niemand will ihre Lachsäcke – „Ein Klassiker!“ –, die extra-langen Vampirzähne oder Gummimasken kaufen. Abends geht es dann mit dem Musterkoffer in eine schäbige Absteige, doch am nächsten Morgen wird wieder aufgebrochen zu neuen Niederlagen. Kein Grund, Trübsal zu blasen.

Denn über den apokalyptischen Duktus erhebt sich auch jene Szene mit der hinkenden Lotta, die ebenso autoritär wie generös mit den Gästen in ihrer Kneipe umgeht. Sie sind allesamt pleite und dürfen ihre Schnäpse mit einem Kuss bezahlen. Tief zieht sich die Schlange der Küsser in den beige-farbene Stube hinein, in der sechzig Jahre später ein Mann aus seinem Tagtraum erwacht. Das Kino von Roy Andersson überwindet nicht allein menschliche Ängste, sondern auch Räume und Zeiten. Einmal fragt ein Passant einen anderen: „Ist schon wieder Mittwoch?“ Und Schwedens Großkönig Karl XII. reitet vorbei – obwohl der schon fast 300 Jahre tot ist.