Sie hat immer gern gesungen. Und so hat Conny Gundermann auch ihren späteren Mann kennengelernt. Mit Gundi sang sie erst in der Singegruppe Hoyerswerda, dann in der „Brigade Feuerstein“ – einem „Lieder-Theater“, wie sie gleich klarstellt. Als sie seine Frau geworden war, war sie die Erste, die seine Lieder hören durfte. Sie gab ihre Arbeit auf, um sein Musikerleben zu organisieren. Heute, zwanzig Jahre nach dem frühen Tod von Gerhard Gundermann, ist sie dankbar dafür, dass so viele Menschen seine Lieder immer weiter tragen und zu Volksliedern machen. Oft steht sie selbst mitten im Saal, singt mit, genießt die Atmosphäre. „Bei Gundis Liedern treffen sich Seelenverwandte“, sagt sie.

Es ist Anfang August, Conny Gundermann sitzt auf ihrem Balkon in Prenzlauer Berg, unweit des Humannplatzes. Es blüht üppig um sie herum.

„Gundermann“, so heißt der Spielfilm von Andreas Dresen, der in diesem Sommer in die Kinos kommt. Dass er Gundis Lieder zu einem neuen Publikum tragen wird, war für Conny Gundermann der wichtigste Grund, den Film zu unterstützen – ja, ihn durch ihre Erinnerungen und Einblicke überhaupt erst zu ermöglichen. Noch ist sie voller banger Erwartung. Wie wird der Film aufgenommen werden?

Zehn Jahre ist es her, dass sie von der Drehbuchautorin Laila Stieler angerufen wurde. Sie kannte den Namen nicht, fand aber heraus, dass sie die Filme, die Stieler mit Andreas Dresen zusammen gemacht hat, alle kannte und mochte. Die beiden Frauen fanden schnell einen guten Draht miteinander. „Ich habe irgendwann gar nicht mehr kontrolliert, was ich ihr erzählt habe“, sagt Conny Gundermann, Anfang sechzig, und beschreibt so die Vertrautheit, die entstand.

Der versenkte Rasen und die Hoffnung

Der Film zeigt Gerhard Gundermann nicht nur auf der Bühne und im Braunkohle-Bagger, sondern auch in sehr privaten Szenen. So stürmt er zu Beginn in das Krankenhaus, in dem die 19-jährige Conny gerade ihre Tochter entbunden hat. Er kämpft weiter um sie, obwohl sie mit ihrem ersten Mann noch ein zweites Kind bekommt. Conny Gundermann sieht kein Problem darin, diese intimen Momente auf die große Leinwand zu schicken. „Es war ja nichts Anstößiges. Ich bin sehr froh, dass Gundi es getan hat.“

Wichtig sei ihr gewesen, dass ihr erster Mann, Wenni genannt, im Film nicht vorgeführt werde – auch mit ihm hat sich die Autorin Laila Stieler unterhalten. Dass die beiden Männer schließlich die Wohnung tauschen – Gundi zieht zu Conny und den Kindern, Wenni übernimmt Gundis Bude – sei keine Erfindung, sondern wirklich so passiert. „Für uns war es logisch – es gab damals ja keine Wohnungen.“

Wenni, mit dem Conny Gundermann immer noch guten Kontakt hat, wohnt bis heute in der Wohnung, viele andere gemeinsame Orte in den Neubausiedlungen von Hoyerswerda aber wurden inzwischen abgerissen. Conny Gundermann zog später mit ihrer Familie in ein kleines Häuschen ins nahe Spreetal. In einer der Filmszenen, die allerdings in Nordrhein-Westfalen gedreht wurden, streicht Gundi die Blechbadewanne für die „nachgezügelte“ Tochter Linda schwarz, damit sie sich in der Sonne von selbst erwärmt.

Gerhard Gundermann war auch im wahren Leben mehr als nur Musiker und Bühnenmensch, er war Vater und Öko-Aktivist aus Leidenschaft. Ich besuchte die Familie im Frühsommer 1992 in Spreetal, um Gundi zu interviewen. Conny Gundermann brachte Kaffee und Kuchen nach draußen, überließ Gundi das Wort. Er hatte Humor, nannte seine sechs Wochen alte Tochter „Linda neutral“ – wie die Waschpaste im Betrieb. Und sehr anrührend sprach er damals über das Gras hinter dem Häuschen. Er hatte ja in einem Lied das Gras als Zeichen von Hoffnung besungen – und hier erklärte er seinen versengten Rasen zu einer grünen Hoffnung. Denn die Nachbarn hätten den Rasen nur deshalb so ausgiebig gesprengt, weil das Wasser so billig war. Gundermann resümierte: „Jetzt, seitdem Wasser was kostet, sieht der Rasen bei den anderen genauso braun aus – und so muss es auch sein.“

Nach Gundermanns plötzlichem Tod im Juni 1998, er war erst 43, vereinsamte Conny in dem abgelegenen Häuschen. „Mit Gundi hatte es sich richtig angefühlt, ohne ihn passte es nicht mehr. Ich bin doch eher eine Stadtmaus.“

Sie fand Arbeit in einem Berliner Steuerbüro und zog um. In Prenzlauer Berg fühlt sie sich wohl. Sie lebt allein, hat viele Freunde. Und ist mit dem Projekt „Liedgefährten“ unterwegs, an dem ihre Tochter Linda und die Schauspielerin Petra Kelling, eine langjährige Freundin der Familie, mitwirken, dabei Cover-Versionen von Gundi mit Zwischentexten und Geschichten verbinden.

Gundermann hatte sich nicht nur bei Bruce Springsteen, Neil Young und Tom Waits „Musiken geborgt“, wie er es nannte, sondern auch Beatles-Songs nach Hoyerswerda geholt – da wurde aus „A Hard Day’s Night“ ein „Harter Tag“.

Neben den Liedern war das ungewöhnliche Leben ihres Mannes für Conny Gundermann der zweite wichtige Grund, den Film zu unterstützen. „Das Leben in der DDR war sehr viel komplexer, als es heute oft dargestellt wird“, sagt sie. Ihr war es wichtig, dass die Arbeitswelt im Film nicht ausgespart wird.

Dass der schwierige Umgang Gerhard Gundermanns mit seiner Stasi-Vergangenheit als IM Grigori vom Film so breit ausgespielt wird, findet sie wichtig und richtig. „Wenn man es genau und differenziert erzählen will, braucht es eben einen so großen Raum.“ Auch sie, die schon bei ihrem Zusammenkommen von Gundis Spitzel-Arbeit wusste, war erschrocken über das Ausmaß, gibt aber zu bedenken, dass sich ihr Gundi seitdem stark entwickelt hatte. Der Film beschreibt auch ihre realen Probleme: „Es war eine Zeit lang schwer auszuhalten, weil Gundi sich oft zurückgezogen hat. Zum Glück hatte er viele gute Freunde.“

Obwohl Conny Gundermann bei manchen Dreharbeiten vor Ort war, etwa in der Bühne in Weißensee, wo Gundermann sich dem Publikum erklärt, und im Frannz-Klub, wo Hauptdarsteller Alexander Scheer wieder und wieder das Lied über ihre Tochter Linda singen musste, und obwohl sie sich mit der Conny-Darstellerin Anna Unterberger angefreundet hat, hat sie den Film nicht gleich genießen können. „Beim ersten Angucken war ich wie erschlagen, war nur mit dem Abgleich meiner Erinnerungen mit den Filmbildern beschäftigt“, sagt sie. Beim Lesen der Drehbücher habe sie noch ihre eigenen Bilder im Kopf gehabt. Sie wird den Film oft sehen müssen, um genügend Abstand zu bekommen.

Von der Seite unheimlich ähnlich

Dass ein Spielfilm anders als ein privater Film erzählt, ist ihr natürlich klar. „In Wirklichkeit war Gundi zu Hause viel normaler, im Film wirkt er mitunter recht clownesk.“ Dabei hat sie das Spiel von Alexander Scheer wirklich überzeugt. Der Schauspieler hat sich äußerlich so stark in ihren Gundi „transformiert“, dass sie mitunter beim Betrachten von Bildern mehrmals hingucken muss, um die beiden unterscheiden zu können. „Besonders von der Seite sieht er ihm unheimlich ähnlich.“ Detailbesessene Gundermann-Kenner haben inzwischen herausgefunden, dass der Film-Gundi den Scheitel verkehrt herum trägt.

Conny Gundermann ahnt, dass einige Experten, die ein sehr festes Gundi-Bild im Kopf haben, mit dem Film, der ab diesem Donnerstag im Kino läuft, Probleme haben werden. Sie sieht aber im Gundermann-Zirkel gar nicht das Zielpublikum. „Meine Tochter Linda ist 26 und hat mir gesagt, dass Gundermanns Suche, sein Sich-Verfangen in Schuld auch viele ihrer Generation ansprechen könnte.“ Sie selbst hofft, dass der Film auch im Westen, wo viele so wie Gundermann ihre Arbeit im Bergbau verloren haben, Interesse finden könnte – und baut auf die Kraft und die Poesie seiner Lieder. Wie „er“, und sie zeigt vom Balkon aus mit dem Finger gen Himmel, den Film finden würde, weiß selbst sie nicht. „Gundi war nicht berechenbar.“

Es ist Ende August nun. Bei den Premieren in Potsdam, Berlin, Leipzig und Dresden hat Conny Gundermann mit dem Dresen-Team den Film präsentiert. Die Beklommenheit ist fort. „Diese berührenden Abende waren ein Geschenk für mich. Die Herzen flogen uns zu.“

Auch in Hoyerswerda, der Heimatstadt, ist „Gundermann“ vorab gezeigt worden, dort, wo es noch viele gibt, denen der Film nichts vormachen kann. Am Ende stand Conny Gundermann neben Anna Unterberger, der Film-Conny, auf der Bühne in der Kulturfabrik. Es habe Standing Ovations gegeben, erzählt sie, wie überall – und trotzdem eine gewisse Verhaltenheit, die sie deutlicher gespürt habe als das Team.

Auch Hoyerswerda muss sich erst an Gundermann als Filmhelden gewöhnen.